auf Bewährung: FBK und Katz rücken zusammen
Lange hat man sich in Moskau — und weit darüber hinaus — an die Feindschaft gewöhnt. Zwischen der Anti-Korruptions-Stiftung des in Haft verstorbenen Alexej Nawalny und dem im Exil lebenden Oppositionspolitiker Maxim Katz verlief eine Bruchlinie, die sich über Jahre verfestigt hatte, sichtbar in den sozialen Netzwerken, in gegenseitigen Anschuldigungen, in jener Moskauer Politik-Folklore, in der persönliche Eitelkeiten die ideologischen Gräben häufig überdauern. Umso bemerkenswerter ist die Wende, die sich nun vollzieht, wenige Monate vor den Wahlen zur russischen Staatsduma: Katz und die Stiftung haben ihre Anstrengungen gebündelt, um gegen die Regierungspartei Geeintes Russland zu mobilisieren.
Die Erklärungen kamen synchron. Yulia Nawalnaya, die Witwe des 2024 in der Haft verstorbenen Oppositionsführers, und Maxim Katz veröffentlichten zeitgleich Stellungnahmen, in denen sie eine gemeinsame Abstimmungsstrategie für die Duma-Wahlen umrissen. Die Tonalität war aufeinander abgestimmt, die Terminologie nahezu deckungsgleich — eine Inszenierung der Geschlossenheit, die für sich genommen bereits eine Aussage darstellt. Dass beide Seiten ausdrücklich von einer "koordinierten" Anstrengung sprechen, lässt erkennen, dass hier mehr gemeint ist als ein bloßes taktisches Arrangement auf Wahlkampfebene.
Um das Gewicht dieser Annäherung zu bemessen, lohnt ein Blick auf das, was sie ablöst. Katz war 2013 Wahlkampfmanager Nawalnys bei dessen Moskauer Bürgermeisterkandidatur — eine Kampagne, die dem Politiker damals 27 Prozent der Stimmen einbrachte und ihn als zentrale Figur der Opposition etablierte. Danach trennten sich die Wege; die Gräben vertieften sich über Jahre. Die Anti-Korruptions-Stiftung wiederum wurde in den vergangenen Monaten vom Kreml systematisch unter Druck gesetzt; nach dem Willen der Behörden soll sie als terroristische Organisation eingestuft werden, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leben im Exil, ihre Strukturen im Landesinneren arbeiten unter permanentem Verfolgungsdruck. Dass ausgerechnet diese beiden Pole der russischen Opposition, zwischen denen über Jahre mehr Misstrauen herrschte als Kooperation, nun zusammenfinden, spricht weniger für neues Vertrauen als für eine veränderte Rechnung.
Der Kontext, in dem diese Annäherung stattfindet, ist düster. Der Kreml hat in den vergangenen Monaten die letzten verbliebenen Spielräume der Opposition systematisch verengt. Boris Nadeschdin, der im Sommer als unabhängiger Kandidat für die Parlamentswahlen antrat, sah sich binnen weniger Wochen mit einem solchen Ausmaß an juristischem Druck konfrontiert, dass er das Land verließ — aus Paris sprach er von einer Erschöpfung, die tiefer reicht als die persönliche. Die Friedenspartei Jabloko, einst eine der wenigen verbliebenen legalen oppositionellen Kräfte, geriet ins Visier der Behörden; ein Gericht ordnete Maßnahmen an, die auf eine Auflösung zielen. Wer in Russland heute öffentlich politisch aktiv sein will, muss seine Worte mit der Sorgfalt eines Notars wählen — und selbst dann ist das Schweigen oftmals die sicherere Option.
In dieses immer enger werdende Vakuum tritt die Allianz. Was sie eint, ist nicht ein gemeinsames politisches Programm im klassischen Sinne, sondern ein gemeinsamer Gegner — und, nicht zu unterschätzen, eine gemeinsame Erfahrung des Verlusts. Nawalny starb in Haft; Katz lebt im Exil; die FBK operiert von außerhalb der russischen Grenzen. Die Heimat dieser Opposition ist heute die Emigration, ihre Sprache das Telegramm, ihre Bühne das Internet.
Was bleibt, ist die offene Frage — und sie ist die eigentlich journalistisch relevante. Eine gemeinsame Erklärung ist noch kein gemeinsamer Apparat. Die Strukturen der FBK arbeiten unter dem Damoklesschwert der Repression; Katz operiert aus dem Exil, seine Reichweite im Landesinneren ist begrenzt, seine Bekanntheit konzentriert sich auf die urbanen, politisch interessierten Milieus. Ob die abgestimmte Strategie tatsächlich Wählerinnen und Wähler an die Urnen bringt — oder ob sie vor allem ein Signal an die Diaspora-Opposition und die westliche Berichterstattung darstellt — wird sich erst an den Wahlurnen und in den Wochen danach zeigen.
Sicher ist: In einer politischen Landschaft, in der demokratische Rituale zur Formsache geworden sind und die regierende Partei den Sieg bereits vor dem Urnengang plant, ist selbst die Koordination zweier ehemals verfeindeter Lager ein Akt, der Aufmerksamkeit verdient. Ob er Wirkung entfaltet, ist eine andere Rechnung. Die Geschichte der russischen Opposition ist, so muss man nüchtern festhalten, auch eine Geschichte der rechtzeitigen Bündnisse zur falschen Zeit. Ob diese eines Tages anders erzählt wird, liegt nicht zuletzt an jenen, die in den kommenden Wochen den Wahlkampf führen werden — in einem Land, in dem das Wählen selbst längst zum Akt des Widerstands geworden ist.
❖ Ende des Artikels ❖
