Börse 1937
Terminal Tribune

22. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Die vermarktete Erschöpfung

22. September 2026 — — Kastner

Die Welt, in der wir ermüden, ist nicht die Welt, die uns ermüdet. Das wäre zu einfach, und die Einfachen lügen am lautesten. Wahr ist: Es gibt jene, denen unsere Müdigkeit nützt, und es gibt jene, denen unser Aufwachen nicht nützt — und beide Gruppen sind nicht immer dieselben, aber sie sitzen am selben Tisch.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

In den Vereinigten Staaten haben Wirtschaftsseiten dieser Tage eine hübsche Mechanik offengelegt. Panera und Chipotle, diese Tempel der vorbereiteten Wärme, schreiben seit Jahren schwarze Zahlen, weil die Küchen der Republik erkaltet sind. Die Amerikaner kochen nicht mehr; sie bestellen. Was als persönliche Vorliebe erzählt wird, ist in Wahrheit eine Erlösstruktur. Wer zu Hause noch kocht, ist für den Markt eine verlorene Seele. Wer aufhört, zahlt. So einfach ist das Spiel, und so alt.

Eine zweite Geschichte kommt aus dem Land der künstlichen Intelligenz, und sie ist bemerkenswert, weil dieselben Männer, die das Wettrüsten bauen, nun öffentlich dazu aufrufen, langsamer zu laufen. Sam Altman, Elon Musk, Dario Amodei von Anthropic — drei Namen, die man sich merken muss, weil sie in jeder zukünftigen Akte auftauchen werden. Sie haben einen Aufruf unterzeichnet für global einheitliche Standards, angeführt von Washington. Die schnellsten Läufer bitten um gemächlicheren Schritt. Man muss kein Skeptiker sein, um zu bemerken: Wer das Tempo der Konkurrenz bestimmt, der bestimmt das Tempo des Marktes. Standards sind das, was man den Besiegten auferlegt; sie sind selten das, was man sich selbst wünscht.

Kulturell hat sich parallel ein Unwille ausgebreitet, der nicht mehr als Krankheit erzählt wird, sondern als Wahrhaftigkeit. Der Theologe Ryan Dueck hat das vor einigen Jahren in fünf Punkten notiert: dass das menschliche Begehren ungeordnet sei, dass wir nach innen gekehrt leben, selbstsüchtig und stolz — und dass das Aufhören, sich zu verstellen, eine fromme Tat sei. In den Foren der Jüngeren klingt es säkularer, aber nicht weniger fromm: Wer aus sozialer Konvention höflich bleibt, hat Freunde, die keine sind. Wer aufhört, entwickelt, so liest man dort, eine generelle Abneigung gegen Menschen und wird dabei freier und glücklicher. Es ist die Privatisierung des Rückzugs, fein verpackt als Selbstfürsorge, und sie kommt den Institutionen zupass, die ohnehin nicht mehr mit aufmerksamen Bürgerinnen rechnen.

Die Mechanik, die hier am Werk ist, gehört zum alten Inventar der Macht. Sie belohnt das Aufhören und bestraft das Weitermachen. Wer seine Aufmerksamkeit verkauft — an Bildschirme, an Werbung, an die kleinen Transaktionen des Scrollens —, hat keine Kraft mehr für das, was nicht bezahlt wird. Wer sich an Wahlen beteiligt, ist kostenintensiv; wer nicht wählt, ist billig zu haben. Wer sich kümmert um die Schule seines Kindes, ist ein organisatorischer Aufwand; wer das Kind vor dem Bildschirm parkt, ist ein konsumierender Haushalt. Wer noch kocht, ist Subventionsfall; wer auswärts isst, ist Umsatz. Es ist ein durchgerechnetes System, und es rechnet gegen uns.

Die Frage, die gestellt werden muss, ist nicht, ob die Menschen müde werden. Das werden sie, das war immer so, und die Dichter haben es besungen, lange bevor es einen Markt dafür gab. Die Frage ist, wem die Müdigkeit nützt. Wer hat das größte Interesse daran, dass eine Bevölkerung aufhört, ihre eigene Anstrengung noch wertzuschätzen? Es sind jene, die von der stillgestellten Aufmerksamkeit leben — die Plattformen, die Werber, die Hersteller der Geräte, in deren Licht wir so bequem ermüden. Es sind die Versicherer der Resignation und die Gläubiger der Menschen, die nicht mehr aufstehen.

Was sich derzeit formt, ist keine Verweigerung aus Trotz und keine Erkrankung aus Schwäche. Es ist die logische Konsequenz einer Ordnung, die Anstrengung besteuert und Passivität subventioniert. Wer das Aufgeben zur Tugend erklärt, hat die Schlacht bereits gewonnen — und es wurde nicht einmal ein Schuss abgefeuert.

Das ist, in der Sprache der Verträge, die ich einmal las, eine Klausel, die für die eine Seite als Freiheit firmiert und für die andere als Gewinn. Man darf sich aussuchen, in welcher Eigenschaft man unterschreibt.

❖ Ende des Artikels ❖

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort