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22. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Hudsons Aufruf an die Unterdrückten – Manifest statt Beleg

22. September 2026 — — Kastner

Michael Hudson spricht. Wieder einmal. Der Wirtschaftswissenschaftler, der an der University of Missouri in Kansas City lehrt und dem Levy Economics Institute of Bard College als Forschungsassoziierter verbunden ist, hat sich an die "Unterdrückten" gewandt – mit einem Aufruf zur Einigkeit gegen wirtschaftliche Ideen, die er als extraktionsdienlich brandmarkt.

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Was vorliegt, ist kein Zeitungsbericht. Keine Verhandlungsnotiz. Kein dokumentiertes Ereignis. Was vorliegt, ist ein Essay, veröffentlicht auf Naked Capitalism – jenem Blog, das sich selbst als einflussreichstes Finanz- und Wirtschaftsblog der Welt beschreibt und in diesen Tagen sein zwanzigjähriges Bestehen feiert. Gründerin Yves Smith bittet um Spenden. Hudson antwortet mit Pathos.

Sein Argument kennen wir. Seit Jahren trägt er es in derselben Tonlage vor: Die westliche Wirtschaftslogik habe sich von der Produktion zur Rentextraktion verschoben. Diese Verschiebung erkläre die Schulden, den Niedergang öffentlicher Infrastruktur, die Erosion des Westens. Sein jüngstes Buch, "The Destiny of Civilization", vertieft diese Diagnose. Sie wird in akademischen Zirkeln diskutiert, auf Konferenzen, in Leserbriefspalten, in Rezensionen. Eine externe Einordnung fasst Hudsons Position so zusammen: Die dominante ökonomische Logik des Westens sei nicht mehr Produktion, sondern Rentextraktion. Eine Zusammenfassung, die Hudsons eigene Formulierungen beinnert – ein Zirkel, der sich um sich selbst dreht und gerade deshalb Bestand hat.

Nun also der Aufruf. "Vereinigt euch, ihr Unterdrückten", formuliert Hudson – eine Anrufung, die an Manifeste des neunzehnten Jahrhunderts erinnert und gerade dadurch Aufmerksamkeit erheischt. Denn die Mechanik eines solchen Satzes ist präzise und alt: Wer ein Kollektiv benennt, benennt zugleich dessen Feinde. Wer Extraktion sagt, benennt ein System. Wer ein System benennt, braucht eine Armee gegen dieses System. Die Grammatik der Empörung unterscheidet sich nicht von der Grammatik der Mobilisierung – und Hudson weiß das, denn wer so schreibt, hat die Texte gelesen, die vor ihm geschrieben wurden.

Hudson ruft nicht zu konkreten Maßnahmen auf. Nicht zu Gesetzesänderungen. Nicht zu Verhandlungen. Nicht zu Demonstrationen, Streiks, Boykotten. Er ruft zur Einigkeit. Was aus dieser Einigkeit werden soll, welche Forderungen sie formulieren wird, wer die Verhandlungen führen wird, mit welcher Stimme, in welcher Sprache – all dies überlässt er seinen Lesern. Die rhetorische Struktur, die er wählt, ist älter als der Kapitalismus, den er kritisiert: die Anrufung eines unterdrückten Kollektivs, die Benennung eines strukturellen Feindes, das Vertrauen darauf, dass die Einigkeit sich selbst erklären werde. Man hat diese Struktur in Flugblättern gesehen, in Pamphleten, in Proklamationen, die später in Archiven verschwanden. Hudson liefert keine neue Form. Er füllt eine alte.

Es gibt, wohlgemerkt, keine dokumentierte Krise, auf die sich dieser Aufruf bezieht. Es gibt keinen Vertrag, der gebrochen wurde. Keine Verhandlung, die gescheitert ist. Es gibt einen Essay und eine Spendenkampagne. Der Aufruf wird in den kommenden Tagen jene erreichen, die ohnehin bereits wissen, dass das westliche Wirtschaftssystem, wie Hudson es beschreibt, ein Problem ist. Ob er jene erreicht, die das nicht wissen, ist eine offene Frage – und vermutlich nicht die Frage, die Hudson sich stellt.

Die Unterdrückten, an die Hudson sich wendet, bleiben in seinem Text ungegliedert. Es gibt keine Arbeiter, keine Bauern, keine Angestellten, keine prekär Beschäftigten, keine verschuldeten Hausbesitzer, keine Studierenden mit Studienkrediten. Es gibt nur die "Unterdrückten" – als wären sie eine Klasse für sich, geeint durch ihre Unterdrückung, befreit allein durch das Bewusstsein gemeinsamer Unterdrückung. Eine solche Vereinfachung ist, rhetorisch, mächtig. Politisch, ist sie unbrauchbar.

Was also bleibt? Ein Text. Eine Spendenkampagne. Ein Blog, das zwanzig Jahre alt wird. Und die Frage, die der Text nicht beantwortet, weil er sie nicht stellt: Was, konkret, soll geschehen? Wer verhandelt? Womit? Gegen wen? In welcher Institution? Mit welchem Mandat? Hudson liefert keine Antworten, die über die Errichtung eines Wir-Gefühls hinausgingen.

Man darf das berichten. Man darf es einordnen. Man darf – mit Handschuhen, wie es sich gehört – darauf hinweisen, dass zwischen einem Argument und einer Mobilisierung ein Abgrund liegt, den zu überspringen Sache jedes Lesenden selbst ist. Hudsons Stimme bleibt hörbar. Seine Diagnose bleibt diskutabel. Der Aufruf bleibt ein Aufruf. Und die "Unterdrückten" bleiben das, was sie waren, bevor Hudson sie beim Namen rief: ein Publikum.

❖ Ende des Artikels ❖

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