Börse 1937
Terminal Tribune

22. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Zwei Wochen vor der Wahl: Lulas Verbot

22. September 2026 — — Kastner

Man schreibt das Jahr 2026, und die Welt spielt noch immer Schach — nur dass die Figuren jetzt Glücksspiel heißen, Wählerstimme, Wahltermin. Luiz Inácio Lula da Silva, Präsident Brasiliens, hat einen Gesetzentwurf in die Debatte eingebracht, der ein vollständiges Verbot von Online-Casinos im Land vorsieht — weniger als vierzehn Tage vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 4. Oktober. Der Zeitpunkt, verehrte Leser, ist keine Fußnote. Er ist die Überschrift.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
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In Genf habe ich Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden, und Männer, die lächelten, während sie logen. Auch ein Wahlkampf ist ein Vertrag — einer zwischen dem Amtsinhaber und seinem Volk, geschlossen im Versprechen, unterzeichnet in der Stimmabgabe. Wann er in den letzten vierzehn Tagen vor der Wahl plötzlich um eine Klausel erweitert wird, darf gefragt werden, wer hier eigentlich unterzeichnet.

Lula sprach von einer Krankheit. „Sind wir passiv, während die Gesellschaft in Schulden ertrinkt?", fragte er. „Sind wir passiv, während die Gesellschaft in den Wahnsinn getrieben wird — denn das ist eine Krankheit. Die Menschen verlieren den Verstand; sie erwägen Selbstmord oder ihre Häuser zu verlassen. Also werden wir ernsthafte Maßnahmen ergreifen."

Die Zahlen, die er dabei im Munde führte, sind hart genug, um auch jene zu überzeugen, die ihm sonst misstrauen. Im Jahr 2024 haben Online-Glücksspielverluste geschätzt 1,8 Millionen Brasilianer in die Verschuldung getrieben. Hunderte Millionen Dollar aus Bolsa Família, dem größten Sozialprogramm des Landes, wurden im vergangenen Jahr auf Wettplattformen ausgegeben. Die Nachfrage nach Behandlung wegen Glücksspielsucht im öffentlichen Gesundheitssystem ist binnen fünf Jahren um 140 Prozent gestiegen. Der brasilianische Online-Glücksspielsektor ist seit Januar 2023 um nahezu 500 Prozent gewachsen; im Jahr 2025 verzeichneten die Anbieter monatlich durchschnittlich 9,25 Millionen Wettende, mit Spitzen von über 10,8 Millionen während der Hochphasen des Fußballs im Oktober. Brasilien, das fixe Sportwetten 2018 legalisierte, hat sich aus dem Nichts zum fünftgrößten Wettmarkt der Welt entwickelt. 68 Milliarden Dollar wurden im vergangenen Jahr über Pix, das digitale Zahlungssystem des Landes, gesetzt — ein Jahr, nachdem Online-Glücksspiel vollständig legalisiert worden war.

Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Lula selbst hatte bereits im Juli strenge Werberegeln für Glücksspielunternehmen erlassen, darunter verpflichtende Warnhinweise auf jeder Anzeige über Suchtrisiken und mögliche finanzielle Verluste. Zuvor hatte er ein Dekret unterzeichnet, das der Regierung erlaubt, die Mittel illegaler Online-Glücksspielplattformen einzufrieren. Wer nun das Verbot fordert, der baut auf einer Reihe bereits gesetzter Steine.

Nun also das Verbot. Eingebracht in jenem engen Zeitfenster, in dem jeder politische Zug zugleich als Wahlkampfgeste gelesen werden kann.

Lula steht laut Umfragen Kopf an Kopf mit Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei. Am 21. September, weniger als zwei Wochen vor dem Urnengang, werden beide Präsidenten — Lula und sein amerikanischer Amtskollege Donald Trump — einander im UN-Hauptquartier in New York mit konträren Reden gegenüberstehen. Parallel kündigte Lula Anfang September eine fünfzehnprozentige Erhöhung des wichtigsten Sozialtransfers für arme Familien sowie kostenlose Abnehmspritzen an — ein Schritt, den seine Gegner laut The Guardian als wahlkampfmotiviert kritisierten.

Ob das Verbot ein Akt der Staatsräson ist, ein Schutzfaktor für die Schwächsten, oder ein taktisches Manöver in einem Rennen, in dem jeder Prozentpunkt zählt — diese Frage muss jeder Brasilianer für sich selbst beantworten. Die Fakten liegen vor. Das Timing ebenso.

Vielleicht ist das die einzige Wahrheit, die bleibt: In den letzten Tagen eines Rennens wird jeder Handschlag gewogen, jedes Versprechen geprüft, jeder Gesetzentwurf zerlegt. Und wer zwei Wochen vor der Wahl ein Verbot in die Kamera trägt, der trägt es nicht ohne Grund.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Brazil's Lula Government proposed a ban on online casinos.

    „Lula is even talking about imposing a total ban on online casinos.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT The proposal was made less than two weeks before presidential elections.

    „Less than two weeks before the first round of Brazil’s genuinely make-or-break presidential elections, on October 4, incumbent President Luiz Inácio Lula da Silva has set his sights“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 2 davon belegt · 4 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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