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Terminal Tribune

23. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Erschlossen: Wie die AfD die Zukunftsangst politisch verwertet

23. September 2026 — — Kastner

Man spricht von „Erschließung", wenn man beschreibt, was die AfD mit den Menschen getan hat, die am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern an die Urnen gingen. Es ist ein Vokabular aus dem Bergbau, aus der Geologie, und es verrät mehr, als es erklären will: Man bricht auf, man legt frei, man nimmt, was vorher im Dunkeln lag. In diesem Fall: die Angst.

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Diese Angst ist keine Erfindung der Partei. Sie ist ein Rohstoff, der seit Jahren in der Luft liegt – zwischen steigenden Mieten, zwischen Kriegen am Rand Europas, zwischen einer Rentenformel, die sich gegen die Jüngeren wendet, zwischen einem Klima, das nicht mehr verhandelbar scheint. Was die AfD leistet, ist nicht die Erzeugung dieser Angst, sondern ihre konsequente Vermessung. Sie tritt nicht auf mit Programmen, die Lösungen versprechen; sie tritt auf mit einer Stimme, die versteht. Oder besser: die so tut, als verstehe sie.

Diese Stimme ist präzise konstruiert. Sie spricht nicht von Ideologie, sondern vom Bauch. Sie nimmt die diffusen Sorgen auf – die Angst vor dem eigenen Alter, die Sorge um die Kinder der Kinder, das Gefühl, abgehängt zu sein von einer Welt, die ihre Beschleunigung nicht mehr rechtfertigt –, und sie gibt ihnen einen Sprecher. Nicht einen, der heilt, sondern einen, der die Wunde benennt und einen Schuldigen zeigt. Das ist das Versprechen, das nie eingelöst werden muss: das Versprechen, dass jemand da ist, der die Schuld benennt.

Im Nordosten zahlte sich diese Mechanik aus. Die Partei feierte einen weiteren Wahlsieg. In Berlin hingegen – und das ist die interessantere Diagnose – blieb sie hinter ihren Zielen zurück. Beide Wahlen zusammen aber zeigen eine Entwicklung, die die Partei bestärkt: die Tendenz zur Normalisierung eines Milieus, das sich verstanden fühlt, weil es endlich eine Adresse für seine Unruhe gefunden hat. Die Adresse heißt AfD. Nicht weil sie die Angst erzeugt, sondern weil sie als einzige behauptet, sie zu verstehen, ohne sie zu erklären.

Das ist die Rhetorik der Kälte: Sie verspricht nichts, sie klagt an. Und die Anklage ist deshalb so wirksam, weil sie nie bewiesen werden muss. Sie zirkuliert als Gefühl, als Vermutung, als „das wissen wir doch alle". Sie braucht keine Fakten, sie braucht nur Wiederholung. Und die Wiederholung braucht nur ein Publikum, das müde ist.

In Berlin trat neben dieser Mechanik ein anderes Phänomen scharf hervor: die Grünen ringen mit dem Antisemitismus in den Reihen der Linken, mit denen sie koalieren müssten. Der Ruf nach einer „No Bullshit"-Strategie, der jetzt laut wird, ist das Eingeständnis eines Milieus, das sich zwischen Moral und Macht zerreibt. Es ist die alte Frage, wie viel Reinheit eine Koalition verträgt, wenn die Zahlen nicht stimmen.

Doch die Mechanik der Angst-Erschließung funktioniert unabhängig von diesen Berliner Debatten. Sie funktioniert nicht durch Programm, sondern durch Präsenz. Sie funktioniert dadurch, dass die etablierten Parteien sich in Erklärungen verlieren – in Erklärungen über Antisemitismus, über Klimaziele, über die Haltung zur Migration –, während eine einzige Stimme schweigt und dieses Schweigen als Stärke inszeniert. Sie funktioniert durch die Wiederholung einfacher Sätze, die so tun, als sprächen sie das aus, was alle denken, aber niemand zu sagen wagt.

Was bedeutet „erschlossen"? Es bedeutet, dass ein politischer Akteur ein Reservoir an Emotionen gefunden, kartographiert und in Wählerstimmen umgewandelt hat. Es bedeutet, dass die Partei nicht mehr werben muss – die Menschen kommen von selbst. Es bedeutet, dass die Angst eine Adresse hat. Und es bedeutet, dass jede Wahl, die diese Adresse bestätigt, die Mechanik verfestigt.

Wer die Mechanik verstehen will, muss aufhören, über die Inhalte zu streiten. Die Inhalte sind austauschbar. Was bleibt, ist die Geste: das Auftreten als Stimme derer, die sonst keine haben. Diese Geste ist so alt wie die Demokratie – und so gefährlich wie die Demokratie, wenn sie nicht mehr erkennt, dass die Stimme, die alle hören wollen, nicht immer die Stimme der Wahrheit ist.

Die „No Bullshit"-Strategie, die in Berlin gefordert wird, ist der Versuch, auf diese Mechanik zu antworten. Sie ist ehrlich, weil sie die Sprachlosigkeit der Etablierten benennt. Sie ist gefährlich, weil sie selbst zur Geste werden kann – zur Geste einer Gegenrhetorik, die ihre eigene Kälte entwickelt.

Im Nordosten feierte die AfD. In Berlin verlor sie weniger, als sie hoffte, und mehr, als mancher fürchtete. Die Trendlinie aber zeigt nach oben. Das ist kein Zufall, das ist das Ergebnis einer langen, geduldigen Arbeit: der Arbeit, ein Vakuum zu finden, das niemand sonst besetzen wollte, und es zu besetzen mit nichts als dem Versprechen, da zu sein.

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