Die Architektur der Vereinfachung — L&G streicht ein Zehntel
Die Nachricht erreicht die City wie ein leises Räuspern, das niemand hören will. Legal & General, jener Versicherungsriese, der seit Generationen die Pensionsgeschäfte Großbritanniens verwaltet, will ein Zehntel seiner Belegschaft entlassen. So steht es in den Meldungen, die am Dienstag durch die Redaktionen wandern. António Simões, der im Frühjahr 2024 angetretene Chief Executive Officer, treibt diese Reduktion voran, und er gibt ihr einen Namen, der in der Sprache der Berater so klingt wie ein sanftes Messer: Vereinfachung.
Wer den Wortschatz der Banken und Versicherungen kennt, weiß, was Vereinfachung bedeutet. Es ist das Wort, mit dem man Entlassungen, Schließungen, den Abbau ganzer Geschäftsbereiche und die Auslagerung von Stabsfunktionen meint, ohne zu sagen, was man meint. Simões hat diesen Wortschatz aus seiner Zeit bei Santander mitgebracht, wo er die Geschäfte in Großbritannien führte, und aus den Jahren bei Lloyds Banking Group, wo er das Commercial-Banking-Geschäft ordnete. Er ist ein Mann, der die Grammatik der Konsolidierung spricht, und er spricht sie fließend.
Das Ziel sei, wie es aus der Konzernzentrale heißt, das britische Versicherungs- und Vermögensverwaltungshaus zu vereinfachen. Man solle sich, so die übliche Formulierung, auf das Kerngeschäft konzentrieren. Wer das Kerngeschäft definiert, wer darunter fällt und wer nicht, das entscheidet in solchen Häusern nicht der Markt, sondern der Vorstand — ein Vorstand, der dem Kapital verpflichtet ist, das ihn eingesetzt hat. Die Belegschaft von Legal & General zählt nach den letzten verfügbaren Angaben rund zehntausend Menschen. Ein Zehntel davon wären eintausend. Eintausend Menschen, die in London, in Witham, in Cardiff, vielleicht in Edinburgh und vielleicht in den Outsourcing-Büros des Kontinents ihren Arbeitsplatz verlieren werden, bis Mitte 2027.
Man muss diese Zahl in eine Bewegung brennen. Denn L&G steht nicht allein. Im April 2026 kündigte Meta an, ebenfalls ein Zehntel seiner Belegschaft zu streichen, mit der ausdrücklichen Begründung, man wolle durch künstliche Intelligenz Produktivitätsgewinne aus den verbleibenden Mitarbeitern ziehen. Es ist dieselbe Prozentzahl, es ist eine andere Welt, und es ist dieselbe Grammatik. Die Tech-Giganten reden von KI, die Versicherer reden von Vereinfachung, doch die Satzstruktur ist identisch: Personal ist eine Position in der Bilanz, die es zu reduzieren gilt, wenn die Margen nicht so fallen, wie es die Aktionäre erwarten.
Wer ein Gedächtnis für die City hat, erinnert sich an das Jahr 2006. Royal & Sun Alliance, damals ein Konkurrent im Versicherungsgeschäft, kürzte ein Zehntel seiner britischen Belegschaft — eintausend Stellen im Vereinigten Königreich, weitere 550 in Schweden und anderen Zentren. Die Begründung war damals wie heute: eine Effizienzsteigerung, eine Reduktion der laufenden Kosten, im konkreten Fall um 130 Millionen Pfund jährlich. Damals wie heute wurde die Maßnahme als notwendig dargestellt, als unausweichlich, als Marktbereinigung. Damals wie heute sprach niemand darüber, was es bedeutet, wenn ein Versicherer, der die Risiken anderer Menschen kalkuliert, seine eigenen Mitarbeiter zu einem kalkulierten Risiko erklärt.
Simões hat in seinen ersten Monaten bei L&G die Schritte gesetzt, die zu diesem Schnitt führen mussten. Er hat Führungskräfte ausgetauscht, er hat die Konzernstruktur neu gezeichnet, er hat — so heißt es aus dem Haus — die mittlere Managementebene ausgedünnt. Was nun folgt, ist die logische Konsequenz. Die Frage, die in der City niemand öffentlich stellt, ist auch nicht, ob Simões das tun wird, sondern wie viele Häuser ihm folgen werden. Aviva, Phoenix Group, M&G — die Liste der Versicherer und Vermögensverwalter, die in den letzten Jahren konsolidiert, fusioniert, abgestoßen, vereinfacht haben, ist lang. Die britische Versicherungslandschaft wird seit dem Brexit neu gezeichnet, und die Architekten sprechen alle dieselbe Sprache.
Man trägt Handschuhe, wenn man über solche Architekturen schreibt. Denn die Männer, die hier zeichnen, lächeln, während sie die Linien ziehen. Sie sprechen von Transformation, von Agilität, von der Zukunft der Arbeit, und sie meinen die Abwesenheit derjenigen, die diese Zukunft nicht mehr miterleben werden. Ein Zehntel der Belegschaft von L&G bedeutet nicht nur eintausend einzelne Schicksale. Es bedeutet auch, dass die verbleibenden neuntausend mit weniger Kollegen mehr Arbeit tragen werden, in einer Branche, die ohnehin unter chronischer Unterbesetzung leidet. Es bedeutet, dass Mandate verloren gehen, die von erfahrenen Spezialisten betreut wurden. Es bedeutet, dass eine Institution, die Generationen von Sparern betreut hat, einen Teil ihrer institutionellen Erinnerung verliert — und niemand wird in den Bilanzen finden, was eine Aktuarin wusste, die nach dreißig Jahren ging.
Die Nachricht selbst ist, so muss man einräumen, noch jung. Eine einzelne Quelle, eine Breaking-Meldung, ein Versprechen auf Sicht. Man wird prüfen müssen, was genau gestrichen wird, welche Bereiche, welche Standorte, welche Hierarchieebenen. Man wird beobachten, ob die Vereinfachung tatsächlich Vereinfachung bleibt — oder ob sie, wie so oft in der City, der Vorbau zu einem Verkauf, einer Aufspaltung, einer Übernahme ist. Bis dahin bleibt nur dies: ein Zehntel. Eine Zahl. Und die Gewohnheit der Londoner Versicherungswelt, Zahlen wie Schachzüge zu behandeln, während die Figuren vom Brett verschwinden.
❖ Ende des Artikels ❖
