Werkzeug und Falle: Wenn Wissen zum Risiko wird
Es gibt Sätze, die klingen wie eine Einladung und wirken wie ein Haken. "Journalistisches Wissen kann im Alltag nützlich sein" gehört in diese Kategorie. Wer ihn ausspricht, verspricht Aufklärung. Wer ihm folgt, bekommt vielleicht mehr, als ihm lieb ist.
Die CORRECTIV-Werkzeug-Reihe, vorgestellt im September dieses Jahres von Bastian Schlange, tritt an mit dem Anspruch, ihren journalistischen Werkzeugkasten zu öffnen. Praktisches Wissen, konkrete Methoden aus den Faktencheck- und Investigativ-Redaktionen. Kompakt, verständlich, direkt anwendbar. So weit die freundliche Einladung.
Die ersten beiden Bände befassen sich mit Populismus und Humor. "Schlagfertig gegen Populismus" lehrt, Parolen zu erkennen. "Schreiben mit Humor" zeigt, wie Sprache funktioniert. Medienkompetenz, definiert als die Fähigkeit, Informationen nicht nur auf Richtigkeit zu prüfen, sondern auch zu verstehen, wie sie entstehen, wie Sprache wirkt, wie politische Kommunikation funktioniert. Nützlich, gewiss. Wer möchte das bezweifeln?
Aber nutzen und Schaden liegen näher beieinander, als es die Broschüre vermuten lässt.
Medienkompetenz, so die CORRECTIV-Über-uns-Seite, vermittelt journalistisches Wissen, das im Alltag hilft. Helfen ist ein weites Wort. Eine Lehrkraft wie Hans-Jakob Erchinger berichtet im Heise-Magazin, wie sie in Schulen mit Schülern aktuelle Themen einordnet und Meinungen begründet. Auch das Wissen aus dem Einbürgerungstest, so eine weitere Quelle, helfe im Smalltalk, im Alltag und im Beruf, beim Verständnis deutscher Feiertage und der Arbeitnehmerrechte. Kleine Münze, alltagstauglich.
Doch dann, beinahe beiläufig, eine Frage, die das ganze freundliche Angebot in ein anderes Licht rückt: Ist es ratsam, dass alle Freunde jederzeit wissen, wo man sich befindet?
Man lese diese Frage zweimal.
Sie steht nicht in einem Manifest. Sie steht in einer Buchankündigung, zwischen Medienkompetenz und Anwendungshinweisen. Aber sie enthält ein ganzes Kapitel über die Gegenwart. Über jene Geräte, die wir bei uns tragen, über jene Anwendungen, die unseren Aufenthaltsort in Echtzeit an einen Kreis senden, dessen Zusammensetzung wir selten prüfen. Über die schleichende Gewöhnung an eine Sichtbarkeit, die früher nur Geheimdiensten zugestanden hätte und heute als soziale Geste verkauft wird.
Die Werkzeug-Reihe will Mündigkeit. Sie will, dass Bürgerinnen und Bürger Informationen einordnen und selbstbewusst mit Sprache umgehen. Doch die Frage, die sie implizit aufwirft, gehört zu den schwierigsten, die unsere Zeit stellt: Wie viel Wissen über mich gebe ich preis, und wem?
Die Faktencheck-Redaktion von CORRECTIV, deren Expertise hier unvermeidlich ins Spiel kommt, weiß um die Mechanismen. Wer Quellen prüft, prüft auch Absender. Wer verifiziert, fragt nach dem Motiv. Diese Disziplin, sauber und konsequent, ist genau das, was in der Frage der Standortfreigabe fehlt. Denn hier sind wir nicht mehr Beobachter, sondern Beobachtete. Hier sind wir nicht mehr diejenigen, die eine Information bewerten, sondern die Information selbst.
Ein Werkzeug, so hat es mir ein älterer Kollege einmal formuliert, erkennt man daran, wer es in der Hand hält. Der Hammer des Schmieds baut Räder. Der Hammer des Einbrechers schlägt Scheiben ein. Die CORRECTIV-Bände sind Hämmer des Schmieds. Sie wollen Populismus erkennen lassen und Sprache als demokratische Kraft stärken. Niemand, der diese Seiten liest, käme auf den Gedanken, sie seien eine Anleitung zur Manipulation.
Aber Wissen ist, wie gesagt, ein zweischneidiges Schwert. Wer lernt, populistische Muster zu durchschauen, lernt zugleich, sie zu bauen. Wer versteht, wie Sprache wirkt, kann sie nutzen oder missbrauchen. Und wer versteht, wie Ortung funktioniert, kann sie einsetzen oder sich vor ihr schützen. Welche Seite überwiegt, entscheidet nicht das Buch. Das entscheidet der Leser. Mit jeder Einstellung, die er aktiviert. Mit jedem Standort, den er teilt. Mit jeder Freundschaftsanfrage, die er annimmt.
Die Werkzeug-Reihe verspricht, journalistisches Wissen aus der Praxis für alle zugänglich zu machen. Sie hält dieses Versprechen. Sie hält es so gründlich, dass am Ende eine unbequeme Frage im Raum steht: Wissen wir genug, um zu wissen, was wir nicht wissen wollen?
Die Frage, ob alle Freunde den eigenen Standort kennen sollten, bleibt unbeantwortet. Vielleicht, weil sie sich nicht beantworten lässt. Vielleicht, weil jede Antwort eine Selbstauskunft wäre. Wer sie bejaht, gibt etwas preis. Wer sie verneint, ebenfalls. Die einzige ehrliche Antwort lautet vielleicht: Es kommt darauf an.
Und damit sind wir wieder bei der Disziplin, die CORRECTIV seit Jahren pflegt. Verifikation. Sorgfalt. Die Weigerung, eine Behauptung zu wiederholen, bevor man sie geprüft hat. Eine Tugend, die außerhalb der Redaktionen selten geworden ist. Vor allem dort, wo es um den eigenen Standort geht.
Wer das Werkzeug ergreift, sollte wissen, wo er steht. Auch im übertragenen Sinn.
❖ Ende des Artikels ❖
