Börse 1937
Terminal Tribune

23. September 2026

Dossier · Politik & Macht

DAS BLEIBEN DES KANZLERS UND DER HANDSCHLAG AUS ROM

23. September 2026 — — Kastner

Oder genauer: die Nachfolge.

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Es gibt Sätze, die nicht deshalb falsch sind, weil ihr Inhalt nicht stimmt, sondern weil sie zur falschen Stunde fallen. Friedrich Merz hat am Sonntagabend, nach den Wahlniederlagen seiner CDU in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, einen solchen Satz gesagt. „Ich bleibe", sagte er, und fügte, wie die britische Zeitung The Guardian vermerkte, hinzu, er bleibe „für die demokratische Zukunft Deutschlands". Es klang, als rezitiere er aus einem Protokoll, das niemand mehr unterzeichnen will.

Doch während der Kanzler in Berlin das Wort „Bleiben" wie eine Monstranz vor sich hertrug, kündigte dieselbe Woche bereits das Gegenteil an. Die AfD, die an den Urnen zwei deutliche Siege einfuhr, sagte voraus, der Kanzler werde sein Amt „innerhalb weniger Monate" verlassen — womöglich noch vor Ablauf des Jahres. So berichtet es unter anderem die Daily Mail, und so trägt es die Partei selbst vor, mit jener Zuversicht, die nur die Sieger sich leisten.

Das ist, diplomatisch gesprochen, ein Widerspruch, der nach Arbeit riecht. Hier ein Mann, der erklärt, er gehe nicht. Dort eine Formation, die seinen Abschied bereits in den Kalender einträgt, als sei er eine beschlossene Sache.

Ich entsinne mich an Räume in Genf, in denen Verträge unterzeichnet wurden, die niemand einzuhalten gedachte. Die Atmosphäre dort war gepflegt, die Hände sauber, die Handschuhe weiß. Hier nun, in dieser Berliner Spätwoche des Septembers, ist die Ordnung weniger gepflegt, aber das Prinzip ist dasselbe: Es wird gesprochen, während andernorts bereits gerechnet wird. Die einen klammern sich an die Stühle, die anderen messen schon die Vorhänge für die nächste Konstellation.

Und diese misst über die Grenzen hinweg.

Die AfD, das lässt sich ohne Mutmaßung festhalten, hat ihren Blick bereits über die Alpen gerichtet. Sie spricht von einer „Schwesterpartei" in Italien, einer radikalen Formation, mit der man künftig zu kooperieren gedenke. Ob es sich um Fratelli d'Italia handelt, um eine andere Gruppierung am rechten Rand — die AfD lässt es bewusst unscharf, denn die Unschärfe ist Teil des Geschäfts. Was zählt, ist die Geste. Was zählt, ist die Andeutung einer transnationalen Achse, die hier ihren Strich bekommt.

Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, was diese Geste meint. Sie ist das Angebot an ein mögliches Bündnis, das nationalistische, illiberale und migrationsfeindliche Strömungen in Europa zusammenziehen will. Sie ist zugleich die Ansage an jene, die in Brüssel, in Paris, in Den Haag noch glauben, die Radikalisierung lasse sich nationalstaatlich eindämmen. Sie lässt sich nicht.

Nun also Berlin. Der Kanzler bleibt — sagt er. Die Opposition sagt, er bleibe nicht. Die Landesverbände seiner eigenen Partei sagen es leiser, aber sie sagen es. Die Deutsche Welle vermerkte am Tag nach der Wahl, Merz stehe „unter noch größerem Druck". Die südafrikanische Zeitung The Citizen schrieb tags darauf von wachsendem Druck, der sich auf ihn nach den Wahlniederlagen lege. Berlin und Mecklenburg-Vorpommern haben zwei CDU-Lager beschädigt, die einst als unangreifbar galten. Die Sozialdemokraten, mit denen Merz in einer Koalition sitzt, haben, so The Guardian, signalisiert, man wolle diese Koalition fortsetzen — „dankbar", lautete eine der Formulierungen. Ein Wort, das in der Politik nichts Gutes verheißt. Dankbar ist, wer keine Wahl mehr hat.

Was bleibt, ist ein Vakuum, das nicht erst entstehen wird, wenn Merz geht, sondern das bereits jetzt sichtbar ist: eine Regierung, die sagt, sie bleibe, und eine Öffentlichkeit, die ihr nicht mehr glaubt. In dieses Vakuum wachsen Stimmen hinein, die es längst als ihren Raum beanspruchen.

Die AfD hat den Terminkalender der internationalen Politik im Blick. Sie plant nicht nur nationale Siege, sie plant deren Verdichtung. Eine Schwesterpartei in Rom ist mehr als ein Bündnispartner für gelegentliche Sympathiebekundungen auf einem Kongress in Budapest oder Warschau. Sie ist ein Signal an Washington, an London, an die Hauptstädte des Ostens: dass die politische Landkarte Europas nicht mehr in jenen Farben gezeichnet wird, die sie nach 1945 trug.

Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Sie erinnern mich daran, dass Gesten Spuren hinterlassen. Merz' „Ich bleibe" ist eine solche Geste. Die AfD-Vorhersage seines baldigen Abgangs ist die Gegenbewegung. Beide — der Satz und die Prognose — gehören zusammen. Sie bilden das Gerüst einer Ordnung, die sich auflöst, während ihre Protagonisten noch auf der Bühne stehen und ins Publikum lächeln.

Was am Ende dieses Septembers in Berlin festgehalten werden kann, ist dreierlei. Erstens: Ein Kanzler spricht vom Bleiben. Zweitens: Eine Oppositionspartei spricht vom Gehen, mit Datum und ohne Scham. Drittens: Eine transnationale Rechte spricht vom Kommen, und sie hat bereits die Hand ausgestreckt — über die Alpen hinweg, nach Rom.

Der Herbst ist jung. Die Handschuhe sind weiß. Aber die Karten, die auf dem Tisch liegen, tragen bereits die Abdrücke jener Hände, die sie als Nächstes mischen werden.

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