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24. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Schattenspiel am Bebelplatz — Evers tritt nach, Wegner bleibt

24. September 2026 — — Kastner

Es ist Anfang September auf dem Berliner Bebelplatz, und die Inszenierung sieht zunächst nach einem Heimspiel aus. Männer und Frauen in CDU-Shirts umringen Stefan Evers, den frisch gekürten Spitzenkandidaten der Berliner Union für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September. In wenigen Minuten wird er auf der Demonstration „Die Linke stoppen — Brandmauer gegen linken Antisemitismus" sprechen. Anlass ist der Auftritt des Rappers Dahabflex bei der Neuköllner Linkspartei eine Woche zuvor, der in einem Lied die „Intifada" besang und der israelischen Armee den Tod wünschte. Die Initiative „Never again Berlin", in der sich vor allem Juden engagieren, hat die Versammlung organisiert.

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Dann wird es unbequem. Eine Rednerin der Veranstalter fragt die anwesenden Politiker: „Wo waren Sie die letzten drei Jahre, als Jüdinnen und Juden immer mehr aus dem öffentlichen Raum gedrängt wurden?" Die Lage für Juden in der Hauptstadt sei „unter einer schwarz-roten Regierung grauenhaft". Unter einem Senat mit Linkspartei-Beteiligung drohe noch Schlimmeres. Als Berliner Muslime das Massaker der Hamas nach dem 7. Oktober 2023 auf der Neuköllner Sonnenallee feierten, habe sie den Beistand der Politik vermisst.

Evers, 46 Jahre alt, Jurist und seit Mitte Juli Finanzsenator, erwidert: Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner habe „bis zum letzten Tag" der Geiselnahmen die israelische Flagge vor dem Roten Rathaus gehisst. Er sagt aber auch, das Land müsse mehr gegen Antisemitismus tun. Er werde „alles tun, was in meiner Macht steht, dass Extremisten in Berlin niemals an die Macht kommen". Nach ihm spricht der FDP-Landesvorsitzende Christoph Meyer, dessen Partei kaum eine Chance hat, ins Abgeordnetenhaus einzuziehen, und bezeichnet das, „was wir nach 2015 erlebt haben", als „Siedepunkt". Bei den Demonstranten kommt das besser an als Evers' Wegner-Lob.

Die Szene ist bezeichnend. Evers steht auf einer Bühne, die ein anderer gebaut hat. Mitte Juli ist er für Wegner als CDU-Spitzenkandidat eingesprungen. Wegner verzichtete auf die Kandidatur, weil er über sein Handeln nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang Januar gelogen hatte. Ende Juni erzwang der „Tagesspiegel" gerichtlich Auskünfte über Wegners Telefonate am Anschlagstag. Diese bestätigten, dass dessen frühere Angaben falsch waren. Die CDU-Kreisvorsitzenden drängten Wegner daraufhin zum Rückzug — und kürten Evers zum Ersatzkandidaten.

Dabei hatte Evers den Sturz des Regierenden Bürgermeisters selbst nicht gewollt. Bereits seit Monaten hatten ihn Parteifreunde in vertraulichen Gesprächen gebeten, Wegner zu Fall zu bringen. Evers stellte sich erst zur Verfügung, als Wegner selbst das Handtuch warf. Ein Finanzsenator, der drei Monate vor der Wahl den Spitzenkandidaten gibt, ist schwer zu vermarkten. Er soll nun Betriebsamkeit und Solidität ausstrahlen — zwei Eigenschaften, die sich in der Berliner CDU in den vergangenen Jahren nicht gerade aufgedrängt haben.

Die Widersprüche liegen offen, und sie sind verifiziert. Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 12. Juli, Wegner ziehe sich zurück, Evers werde neuer Kandidat. Die Zeit meldet tags darauf, Evers solle die CDU in die Wahl führen — ein Hochrisikomanöver, das sogar aufgehen könnte. Am 11. Juli titelt dieselbe Zeitung: „Das kann nicht klappen. Oder?" Den Hauptgegner sieht Evers links. Was er nicht ausspricht: dass der Hauptgegner in den eigenen Reihen sitzt, in Gestalt eines abgetretenen Regierenden Bürgermeisters, dessen Schatten an jeder Straßenecke hängt.

Wegner ist zurückgetreten, aber er ist nicht verschwunden. Er bleibt als Schattenfigur in der CDU, sichtbar in jeder Erinnerung an den Brandanschlag, an die gerichtlich erzwungenen Auskünfte, an das Eingeständnis der Lüge. Wer Evers wählt, wählt einen Mann, der nachgerückt ist, nicht einen, der gewählt wurde. Wer den Wechsel als personellen Neuanfang versteht, übersieht, dass die CDU ihren Spitzenkandidaten nicht aus Überzeugung ausgewechselt hat, sondern aus Notwehr — und dass Notwehr selten stabile Regierungen hervorbringt.

Der Wechsel ist Fakt. Die Frage, ob Evers die CDU führen wird, ist offen. Beantwortet wird sie nicht auf dem Bebelplatz, sondern am 20. September.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 1 Behauptung belegt
  1. ZITAT CDU-Kandidat Evers: Den Schatten von Kai Wegner wird er nicht los

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Herangezogene Quellen

5 Quellen · 1 davon belegt · 4 externe Belege · 1 prüfbare Behauptung

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