Senatorin Collins und das höfliche Schweigen
Die Senatorin trägt Handschuhe aus feinem Leder, wenn sie vor die Kameras tritt — eine Geste, die aussieht wie Anstand, gemeint ist als Rüstung. Susan Margaret Collins, dienstälteste Republikanerin im Senat der Vereinigten Staaten, seit 1997 im Amt, eine Frau, die das politische Washington in- und auswendig kennt, hat in diesen Tagen eine jener Bewegungen gezeigt, die in Genf als diplomatisches Ausweichen durchgehen und anderswo als das, was sie sind: ein Akt des Übermuts.
Die Bühne ist schmal. In Maine tobt der Senatswahlkampf, der Ausgang gilt als offen, razor-thin, wie die angelsächsischen Kollegen notieren — eine Mehrheit, die in Umfragen schwankt wie ein Schiff in unruhiger See. Ihr Gegenkandidat, der Demokrat Troy Jackson, steht bereit. In dieses schmale Fenster fällt ein Bericht von ProPublica, demzufolge das FBI vor der Wiederwahl von Präsident Donald Trump Ermittlungen wegen eines möglichen Pay-to-Play-Schemas führte, in das Collins verwickelt sein könnte. Diese Ermittlungen, so der Bericht weiter, wurden durch die politische Wetterlage unterbrochen.
Was Collins daraufhin tut, ist bemerkenswert in seiner Klarheit. Sie weist die Berichterstattung zurück — nicht als falsch, nicht als unbegründet, sondern als alt. „Alte Geschichten", lässt sie durchsickern, in jener Sprache, die Männer in Anzügen sprechen, wenn sie weder bestätigen noch dementieren wollen. Einige der Behauptungen seien nicht zutreffend, heißt es aus ihrem Umfeld, ohne dass präzisiert würde, welche. Es ist die Sprache der Höflichkeit, die den Inhalt verschluckt.
Hier liegt die Kluft, die diesen Vorgang zum Fall macht. Auf der einen Seite steht die Senatorin, die seit Jahrzehnten den Spagat zwischen den Lagern übt, deren Stimme bei Bestätigungen Gewicht hat, deren Lächeln auf Wahlkampfveranstaltungen wie eine Visitenkarte wirkt: gut gepflegt, abgewogen, niemals zu warm. Auf der anderen Seite stehen Vorwürfe, deren Konturen noch unscharf sind — Bestechungsvorwürfe, mögliche quid pro quo-Geschäfte, deren Substanz wir derzeit nur ahnen, nicht greifen.
Die Quellenlage ist prekär. Wir haben den Bericht von ProPublica, dessen journalistischer Ruf außer Frage steht. Wir haben Aussagen aus dem Umfeld der Senatorin, die das Material abtun, ohne es zu widerlegen. Wir haben keine Bestätigung durch das FBI, das seine Ermittlungen — ob beendet, ob eingestellt, ob verschoben — nicht öffentlich kommentiert. Wir haben keine zweite unabhängige Quelle, die die spezifische Natur der Vorwürfe schildert. Jede einzelne Behauptung trägt derzeit das Wasserzeichen des Unbestätigten.
Es ist eine journalistische Pflicht, dies auszusprechen, bevor irgendjemand anderes es tut. Die Vorwürfe wiegen schwer, weil sie den Namen eines öffentlichen Amtes tragen. Sie wiegen leicht, weil sie noch nicht durch unabhängige Ermittlungen gestützt werden. Wer heute schon urteilt, urteilt über Schatten.
Collins' Verhalten — diese ruhige, fast höhnische Geste des Wegwischens — ist dennoch aufschlussreich. In Genf habe ich Verhandlungen gesehen, in denen die Delegierten einander anlächelten, während die Protokolle unter dem Tisch wanderten. Es ist die alte Sprache der Macht: Wer lächelt, hat etwas zu verbergen, und wer abtut, was er nicht erklären kann, hat die Erklärung nicht. Das ist kein Beweis. Das ist ein Hinweis. Hinweise sind das Material, aus dem Skandale werden, aber auch das Material, aus dem Rufmord wird.
Die Frage nach dem Ausgang der Senatsdebatte bleibt offen. Maine ist ein Bundesstaat, der seine politische Identität zwischen den Parteien aufteilt, mit einer Vorliebe für Unabhängigkeit, die Collins bisher getragen hat. Die Vorwürfe könnten diese Vorliebe auf die Probe stellen. Sie könnten aber auch im Lärm der Wahlkampfwochen untergehen, wie so vieles untergeht, wenn der Nachrichtenzyklus hungrig bleibt.
Was wir wissen: Eine Senatorin steht vor der Wiederwahl. Vorwürfe sind aufgetaucht. Die Senatorin nennt sie alt und teils unzutreffend. Was wir nicht wissen: Ob die Vorwürfe substanziell sind. Welche konkreten Handlungen ihnen zugrunde liegen sollen. Ob das FBI tatsächlich ermittelt hat und wenn ja, in welchem Umfang. Ob die Unterbrechung der Ermittlungen administrativ oder politisch motiviert war. Ob weitere Quellen die Darstellung stützen oder widerlegen.
In einer Zeit, in der politische Skandale wie Konsumartikel produziert und verbraucht werden, ist die langsamste Tugend die wichtigste: Genauigkeit. Jede Zeile, die wir über Susan Collins schreiben, trägt das Gewicht eines öffentlichen Amtes und die Fragilität einer unbestätigten Quelle. Wir werden weiter berichten. Wir werden nichts behaupten, was wir nicht belegen können. Und wir werden — das ist die Tradition dieser Zeitung — den Handschuh anlassen, bis die Fakten ihre Handschrift offenbaren.
❖ Ende des Artikels ❖
