Das Wasser kennt keine Patrioten
In Littlehampton Harbour, wo sonst nur Krabbenkutter und die müden Gestalten der Hafenmeister ihren Dienst versehen, geschah dieser Tage etwas, das in seiner Symbolik so dick aufträgt, dass selbst der Himmel sich abwandte. Ein Boot sank. Nicht irgendein Boot — das Boot eines Mannes, der sich Danny Tommo nennt, der die englische Südküste zur Festung erklären wollte und dessen Name inzwischen wie ein Menetekel an der Wand jener Bewegung steht, die sich Patriot Platform schimpft und deren Plattform so schmal ist wie die Planke, die ins Wasser führte.
Danny Tommo, bürgerlich Daniel Thomas, Gründer dieser Gruppierung und bekannter rechtsextremer Aktivist, hatte ein Motorboot erworben — bezahlt mit Spendengeldern seiner Anhänger. Das Geld der Gläubigen, in See gesteckt. Die Bestimmung des Fahrzeugs: in den Gewässern des Ärmelkanals jene Operationen zu stören, die der Grenzschutz, die Border Force, mit jener bürokratischen Geduld verrichtet, die der Aktivist für Verrat hält. Sein Auftrag war, in den Worten der Berichte, das "Polizieren" des Kanals. Patriotische Eigeninitiative, finanziert aus privater Spendenbereitschaft.
Bevor das Boot seinen Dienst antreten konnte, versank es. Im Hafen. Von Littlehampton, West Sussex, wo die Wellen nicht einmal hoch genug sind, um dramatisch zu wirken. Tommo selbst beschuldigte umgehend linke Aktivisten der Sabotage. Ein uraltes Lied: Wenn das eigene Werk scheitert, war die andere Seite am Ruder. Eine bequeme Diagnose, die nichts erklärt, aber alles entschuldigt.
Nun die Sache mit dem Messer. Hier wird das Netz dichter, und hier trennt sich die Wahrheit von der Bühne. Während die einen Quellen berichten, Tommo habe ein Schlauchboot von Migranten mit einem Messer aufgeschlitzt — eine Szene, die er selbst gefilmt haben soll und die zu seiner Festnahme wegen Sachbeschädigung an einer Tankstelle führte —, halten andere Berichte diese Darstellung in den entscheidenden Punkten nicht in derselben Form fest. Was also war es: dokumentierte Tat oder mediale Inszenierung? Beweisstück oder Requisite? Die Wahrheit liegt, wie stets bei Männern, die für die Kamera leben, irgendwo zwischen der Klinge und dem Drehbuch.
Die Festnahme folgte. Criminal damage, ein zivilrechtlich geprägter Vorwurf — kein Schmuggel, kein Seegefecht, keine heroische Konfrontation. Sachbeschädigung. An einer Tankstelle. Es ist eine bemerkenswerte Ernüchterung, die sich in dieser Wendung verbirgt — die Diskrepanz zwischen dem lauten Pathos, mit dem Tommo seine Mission verkündete, und der nüchternen Aktenführung, die ihm am Ende einen Strafzettel für Sachbeschädigung ausstellte.
Offen bleiben die Fragen, die das Bild nicht abrunden, sondern zerschneiden. Wer saß auf dem Boot, als es sank? Welche Passagiere, welche möglichen Opfer? Welche Mission genau, mit welchem Ziel, mit welcher Crew? Tommo sprach von Polizei — doch die Polizei, die wir kennen, schreibt Akten, keine Manifeste. Tommo sprach von Rettung — doch wer rettet, versenkt keine Boote.
Die Patriot Platform, sein Flaggschiff im ideologischen Sinne, versammelt sich seit Jahren an der Südküste Englands zu Demonstrationen, ruft zur Begrenzung der Migration auf, inszeniert sich als letzte Verteidigungslinie einer Insel, die sich für belagert hält. Die Ironie dieser Tage: Das einzige Fahrzeug, das ihre Kapitänssehnsucht auf das Wasser brachte, liegt nun auf dem Grund eines Hafens, der niemals ein Schlachtfeld war. Und der Spender, der seinen Beitrag gab, mag sich fragen, wofür genau.
Man neigt in solchen Geschichten dazu, nach Symbolen zu greifen. Aber vielleicht ist die Wahrheit prosaischer, als sie uns lieb ist: Ein Mann, der glaubte, die See gehöre ihm, stellte fest, dass sie niemandem gehört — am wenigsten denjenigen, die mit dem Messer statt mit dem Verstand kommen.
Die Arche des Patrioten liegt auf Grund. Das Wasser steigt ihm nach, nicht weil die Feinde es hoben, sondern weil die Hand, die das Steuer führen wollte, nie gelernt hatte, die Planken zu lesen.
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