Börse 1937
Terminal Tribune

24. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Ein Schritt näher — an was, weiß niemand

24. September 2026 — — Kastner

Man unterschreibt gern, wenn man weiß, dass die Folgen andere tragen werden. Am Ende der vorigen Woche, in jenen letzten Tagen einer schwarz-roten Koalition, die am Sonntag abgewählt werden sollte, haben das Land Berlin und die Commerz Real ihre Unterschriften unter ein Dokument gesetzt, das sich „Letter of Intent" nennt — jene höfliche Form der Vor-Verpflichtung, die nichts verspricht und doch alles eröffnet. Es geht um die Zentral- und Landesbibliothek, jene stille Institution, die seit Jahren auf einen gemeinsamen Ort wartet und in zwei Hälften durch die Stadt verteilt ist. Dieser Ort soll nun der Alexanderplatz werden, genauer: das Gebäude Alexanderplatz 9, in dem einst Waren verkauft wurden und dem inzwischen ein Bürohochhaus in den Himmel gewachsen ist.

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Die Commerz Real ist Eigentümerin des Gebäudes. Sie ist die Immobilientochter der Commerzbank-Gruppe, und wer das weiß, der ahnt, dass hier nicht nur Bücher gemeint sind, sondern Bilanzen. Zwei Kultur- und Finanzsenator:innen sind in den letzten Monaten über dieses Vorhaben zurückgetreten. Der Senat hielt offiziell an der Hoffnung fest. Stefan Evers, Noch-Bürgermeister und Noch-Finanzsenator — diese Verdoppelung des „Noch" sagt mehr als jedes Pressefoto —, spricht nun von einem „wichtigen Schritt näher" an eine langfristige Lösung. Die ZLB am Alexanderplatz biete die Chance, „Berlinerinnen und Berliner an einem zentralen, hervorragend erreichbaren Ort zusammenzuführen". Man sei diesem Ziel einen Schritt näher gekommen.

Was dieser Schritt kostet, steht nicht in der Erklärung, aber in den Erinnerungen. Zwischenzeitlich war von zwanzig Millionen Euro Miete im Jahr die Rede, die das Land Berlin jahrzehntelang zahlen würde. Mario Schüttauf, Geschäftsführer der Commerz Real Investmentgesellschaft, freut sich, „naturgemäß". Das ist das schöne Wort für jene Freude, die sich rechnet.

Die bisherigen Planungen sehen rund 42.680 Quadratmeter Nettoraumfläche für die ZLB vor. Auf 14.220 Quadratmetern soll das Bestandsgebäude weiterhin als Warenhaus mit Einzelhandel und Gastronomie genutzt werden. Visualisierungen stammen von Atelier Oslo und LundHagem, im Auftrag der Commerz Real — freundliche Zeichnungen einer Zukunft, in der Bibliothek und Konsum sich nicht stören. Der Senat rechnet mit mehr als einer Million Besucher:innen im Jahr. Eine Bibliothek, die frequentiert wird wie ein Kaufhaus. Eine Insel der Stille im Strom der Marken. Der Alexanderplatz, diese überdimensionierte Bühne der Hauptstadt, bekäme endlich einen Vorhang, hinter dem gelesen wird.

Man darf die Mechanik der Dinge benennen, ohne sie zu verurteilen. Eine Absichtserklärung ist kein Vertrag. Sie ist ein Händedruck in Papier, eine Geste des guten Willens, die Juristen später entweder einlösen oder vergessen können. Sie ist besonders nützlich in jenen Tagen, in denen Unterschriften noch etwas wiegen, aber nur noch kurze Zeit zur Verfügung stehen. Eine Regierung, die weiß, dass sie morgen nicht mehr regiert, kann heute noch Fakten schaffen — keine Fakten im strengen Sinne, aber das Versprechen von Fakten, das in Archiven bleibt und dort auf eine bessere Gelegenheit wartet.

Die Commerz Real unterzeichnet für ein Gebäude, das ihr gehört. Das Land Berlin unterzeichnet für eine Institution, die ihm gehört. Beide Seiten gewinnen Zeit, und das ist der eigentliche Inhalt des Dokuments. Was danach kommt, werden andere Hände verhandeln. Handschuhe sind in diesem Geschäft nicht vorgesehen.

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