ROHDIAMANT, KEIN SCHMUCKSTÜCK: WAS WIR NOCH NICHT DRUCKEN
Man legte mir ein Dokument auf grauem Papier vor, gefaltet wie ein Geständnis, und eine Stimme am Telefon, die ihren Namen nicht nannte. Das ist, was wir haben. Nicht mehr.
In diesem Hause — und ich sage Hause, weil die Terminal Tribune seit jeher mehr ist als ein Blatt, nämlich ein Raum, in dem Wahrhaftigkeit noch einen Mietvertrag hat — pflegen wir eine alte Übung: Wer nur eine Quelle hat, der hat noch keinen Artikel. Wer eine Quelle hat und nicht weiß, wer sie ist, hat nicht einmal eine Geschichte. Wer nicht weiß, warum sie spricht, hat allenfalls ein Gerücht — und Gerüchte sind die billigste Währung, die in den Redaktionen dieser Stadt geprägt wird.
Was ich Ihnen heute vorlege, ist deshalb auch kein Bericht. Es ist eine Quittung über das, was wir empfangen haben, und ein Schuldschein über das, was wir Ihnen schuldig bleiben: Ihnen, liebe Leser, vor allem aber dem Wahrheitsanspruch, den diese Zeitung auf ihren Schultern trägt wie ein Pelz, der zu schwer ist, um ihn im Sommer abzulegen.
Ein einzelner Hinweis ist dieser Tage in unserem Haus eingegangen. Er stammt von einer einzigen Quelle. Sie ist uns namentlich nicht bekannt. Wir wissen nicht, in wessen Auftrag sie spricht, ob aus Überzeugung, aus Gekränktheit, aus Berechnung oder aus dem sehr menschlichen Bedürfnis, einmal im Leben den Hebel umzulegen und zu sehen, wie das Licht angeht. Wir wissen nicht, zu welchem Bruchteil ihrer Darstellung sie selbst glaubt. Und wir wissen nicht — was die wichtigste Frage ist, die ein Reporter stellen kann — was geschieht, wenn wir ihren Hinweis veröffentlichen und er sich alsbald als Schimäre erweist, als geschickt konstruierte Halbwahrheit, als der Köder einer fremden Küche.
In den Archiven dieser Stadt liegen genug Akten, in denen ein einziger Satz, von einer einzigen Person in einen einzigen Telefonhörer gesprochen, ganze Karrieren beendete, Ehen sprengte und Verhandlungen kippte — und am Ende stellte sich heraus, daß die Stimme einem Mann gehörte, der drei Häuser weiter wohnte und eine Rechnung offen hatte. Das ist die alte Lektion. Man lernt sie nie aus, weil die Eitelkeit sie jedesmal vergißt.
Wir drucken diesen Hinweis dennoch. Nicht als Tatsache, nicht als Enthüllung, nicht als Triumph der Aufklärung — sondern als das, was er ist: ein Rohdiamant, ungeschliffen, in seiner Form noch nicht einmal verbindlich. Wer hier eine Bestätigung sucht für das, was er ohnehin bereits glaubt, der findet sie bei anderen Blättern; wer hier eine Widerlegung sucht, der findet sie auch. Was wir anbieten, ist das Schwierigere: das ehrliche Eingeständnis, daß wir einen Hinweis erhalten haben, dessen Gehalt, dessen Urheberschaft und dessen Absicht wir nicht mit der wünschenswerten Sicherheit benennen können.
Die Fragen, die ein Leser stellen darf und die wir uns selbst stellen, lauten daher: Wer spricht hier — und warum jetzt? Wer profitiert von der Verbreitung dieser Information? Welche Beweismittel liegen außerhalb unserer eigenen Kenntnis? Wer hat ein Interesse daran, daß gerade diese Darstellung, gerade zu diesem Zeitpunkt, in gerade diesen Medienraum geworfen wird?
Auf jede dieser Fragen haben wir derzeit eine Antwort: Wir wissen es nicht. Das ist keine Schande. Das ist journalistische Hygiene. Wer behauptet, er wisse es bereits, der verkauft Ihnen eine Ware, die er nicht besitzt.
Unsere Pflicht ist es, den Hinweis zu registrieren, die Quelle zu prüfen, Gegenbelege einzufordern und, wo immer möglich, eine zweite Stimme zu finden. Erst dann, wenn das Bild sich verfestigt, erst dann, wenn der Name der Quelle nicht länger ein Gespenst ist, erst dann werden wir den Satz drucken, den unsere Leser verdienen: einen Satz, der hält.
Bis dahin gilt ausdrücklich: Jede Aussage in diesem Bericht beruht auf einem einzigen Hinweis. Sie ist bislang unbewiesen. Sie bedarf der Bestätigung durch mindestens eine weitere, unabhängige Quelle, bevor ihr journalistischer Wert über den eines Verdachts hinausgeht. Wer sie dennoch weitergibt, gibt seine eigene Sorgfalt weiter, nicht die unsere.
Wenn Sie klug sind — und wer diese Zeitung liest, ist in der Regel klug —, dann warten Sie auf die Bestätigung, bevor Sie glauben. Wir warten mit Ihnen. Die Uhr an der Wand zeigt dieselbe Zeit wie gestern, und die Wahrheit, wenn sie kommt, kommt auf ihren eigenen Beinen. Wir werden sie nicht hetzen. Wir werden sie nicht schmücken. Wir werden sie aber auch nicht vor der Zeit verkaufen.
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