Fielmann, Apollo und der Preis der wachsamen Augen
Zwei Optiker, ein Oscar, und die leise Frage, wem das Sehen eigentlich nützt.
Die Verleihung war keine Gala, sie war eine Inventur. In jenem Land, in dem die Kassen Daten sammeln, die Brille zum Identitätswerkzeug wird und der Datenhunger der Versicherer längst das höflichere Wort führt als der Staat, haben Fielmann und Apollo Optik den sogenannten Überwachungs-Oscar erhalten, jene Auszeichnung, die der deutsche Big Brother Award alljährlich in mehreren Kategorien vergibt, an jene, die dem Bürger am geschicktesten das Datenschutzkleid vom Leib ziehen, ohne dass er es bemerkt.
Die Auszeichnung folgt einer unbestechlichen Logik: Wer die meiste Sichtbarkeit erzeugt, ohne selbst sichtbar zu werden, hat gewonnen. Diesmal waren es zwei Optik-Konzerne, deren Brillen, Messgeräte, Kundenbindungssysteme und digitale Angebote so tief im Alltag verankert sind, dass sie bereits zum Inventar gehören, bevor der Kunde überhaupt das Geschäft betreten hat.
Apollo, der Name allein trägt das Programm in sich. Nicht der Gott, der einst die Mauern Trojas mit Poseidon baute und der mit pestinfizierten Pfeilen das Lager der angreifenden Griechen schwächte, der auch an den Ufern des heutigen Mondsees die Phantasie der Archäologen beflügelt und dessen winziger Bronzekopf in einer Applike zum Denkmal wurde für menschliches Fehlverhalten und mögliches göttliches Wirken im Salzkammergut, sondern die Optikkette, die mit ihrem Hotel direkt am Mondsee und dem Aussichtsdeck-Restaurant über dem Wasser eine Bühne bespielt, auf der Genuss, Lifestyle und Erholung die sichtbaren Requisiten sind. Eingebettet in die Bergwelt des Salzkammerguts, am Ufer des Mondsees, liegt ein Hotspot, der nicht nur den Blick über das Wasser inszeniert, sondern in einer Zeit der digitalen Kundenkarten, Bonusprogramme und algorithmierten Angebote auch den Blick auf den Gast, der sich dort aufhält. Einfach, ehrlich und ohne viel Schi Schi, so wirbt das Haus am See, doch was hinter der Fassade der Schlichtheit an Daten erhoben wird, ist eine andere Geschichte, die hier nicht erzählt werden muss, aber auch nicht verschwiegen werden darf.
Dass diese Aufmerksamkeit den Geschäften nützt, bestreitet niemand. Dass sie gelegentlich über das hinausgeht, was der Kunde bewusst preisgegeben hat, gehört zum Geschäftsmodell einer Branche, die das Beobachten professionalisiert hat, lange bevor sie dafür ausgezeichnet wurde. Die Brille, einst ein medizinisches Hilfsmittel und ein modisches Accessoire, ist in den vergangenen Jahren zum Datenträger geworden, zum Bindeglied zwischen biometrischer Erfassung, Sehstärkemessung und personalisierter Werbung, die dort am wirksamsten ist, wo das Bewusstsein des Kunden bereits beim Probieren der Fassung schweigt.
Fielmann, dessen Name in der Branche seit Jahrzehnten für Preisgestaltung und Marktdurchdringung steht, und Apollo Optik, dessen Marke über den See hinaus strahlt, sind in dieser Hinsicht keine Außenseiter, sondern Repräsentanten einer ganzen Branche, die das Sehen zu einem Geschäft gemacht hat, in dem der Kunde zugleich Ware und Lieferant ist. Die Jury des Big Brother Awards hat ihnen den Titel nicht für ein einzelnes Vergehen verliehen, sondern für eine nachhaltige Haltung, für den beständigen Eindruck, dass der Kunde zwar gesehen werden will, aber nicht immer weiß, in welcher Auflösung, zu welchem Preis und mit welchem Verwendungszweck.
Man darf die Verleihung als Mahnung lesen, man darf sie als Schmähung empfinden, und man darf sie, wie so vieles in diesem Gewerbe, einfach ignorieren. Was man nicht darf, ist sie übersehen, denn sie sagt, was die Verträge, die in Genf unterzeichnet werden, selten sagen und was die Protokolle der Anständigkeit nur am Rand vermerken: Hier wurde jemand beim Namen genannt. Und diesmal waren es jene, deren Geschäft es ist, anderen beim Sehen zu helfen.
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