40.000 wird zu 200.000: Baltimores stille 14-Millionen-Lücke
In Baltimore stehen sie noch, die schmalen Reihenhäuser mit den abgetretenen Stufen und den eisernen Geländern, die aussehen, als hätten sie seit drei Generationen nichts erlebt außer dem Wetter. Nur: In den Akten eines Bundesgerichts in Maryland haben sie in den vergangenen Jahren offenbar ein zweites, sehr viel bewegteres Leben geführt. Eines, in dem ein Haus für 40.000 Dollar den Besitzer wechselt und wenige Monate später für rund 200.000 Dollar wieder verkauft wird, ohne dass ein Handwerker die Schwelle betreten hätte.
Die Klage, die das erzählt, stammt von der AmeriTrust Mortgage Corp. Sie wirft einem Netzwerk aus Immobilieninvestoren, einem Hypothekenmakler, Gutachtern und Titelgesellschaften vor, ein „sprawling mortgage fraud scheme" betrieben zu haben, das dem Kreditgeber Verluste von etwa 14,1 Millionen Dollar eingebracht habe. 90 Kredite, so die Rechnung des Klägers, addieren sich zu dieser Summe.
Was die Anklage so bestechend wie beunruhigend macht, ist ihre Einfachheit. Nach Darstellung von AmeriTrust kauften Gesellschaften, die mit dem Schema verbunden sein sollen, Häuser in und um Baltimore für etwa 40.000 bis 50.000 Dollar. Innerhalb weniger Monate, ohne nennenswerte Verbesserungen, wurden dieselben Objekte an weitere Briefkastenfirmen für ungefähr 200.000 Dollar weiterverkauft — ein Aufschlag von rund 300 Prozent. Was bei einem Reihenhaus in einer heruntergekommenen Straße ohnehin schon nach viel klingt, wird in der Logik der Klage zur Voraussetzung für ein noch viel größeres Missverhältnis.
Denn der höhere Verkaufspreis, so der Vorwurf, diente lediglich als Kulisse für einen weit größeren Kredit. Die neuen Käufer beantragten Finanzierungen mit Gutachten und Titelberichten, die die jüngsten, weit günstigeren Transaktionen verschwiegen. Dem Kreditgeber wurde, so die Formulierung der Klageschrift, ein 200.000-Dollar-Haus gezeigt, ohne dass ihm gesagt wurde, dass dieselbe Immobilie wenige Wochen zuvor ein 40.000- oder 50.000-Dollar-Haus gewesen war. Was auf dem Papier als Immobilie stand, war in Wahrheit eine Annahme — über den Zustand einer Nachbarschaft, über die Funktionsfähigkeit eines Marktes, über die Bereitschaft eines Käufers, überhaupt zu zahlen.
Letzteres, so die Klage, war von Anfang an nicht vorgesehen. Die Käufergesellschaften hätten die Hypotheken nie zurückzahlen wollen und seien quasi unmittelbar ausgefallen, in einigen Fällen seien nicht einmal die ersten Monatsraten gezahlt worden. Der Kreditgeber geriet in eine Zwickmühle: Er hatte die Kredite an Investoren weiterverkauft, musste aber, als die Kredite platzten, für Verluste geradestehen, die nach seiner Darstellung weit über dem realen Wert der beliehenen Objekte lagen.
Zu den Beklagten zählt die Klage FirstLoans Inc. als Hypothekenmakler, die Titelfirmen REXTAR Title Services und Fidelity National Title sowie eine Reihe von Gutachtern, Investoren und nicht zuletzt zahlreiche LLCs. Die Vorwürfe reichen von Betrug und Verschwörung zum Betrug über Vertragsbruch und fahrlässige Falschaussage bis hin zu zivilrechtlicher Racketeering-Anklage nach dem Bundes-RICO-Gesetz. Es ist das schwerste Instrument, das das amerikanische Zivilrecht in solchen Fällen bereithält, und seine bloße Verwendung zeigt, wie ernst der Kläger die Sache nimmt.
Was die Akte bislang nicht beantwortet — und was sie für jeden, der zwischen den Zeilen liest, zur eigentlichen Lektüre macht —, ist die Frage nach den Lücken, durch die dieses Schema überhaupt laufen konnte. Warum hat kein Titelrechercheur die unmittelbare Verkaufskette gesehen? Warum haben Gutachter Preise bestätigt, die sich, wie die Klage insinuiert, allein aus dem Selbstgespräch der beteiligten Firmen speisten? Wie viele Häuser tatsächlich im Spiel sind, ob die genannten 90 Kredite nur die sichtbare Spitze eines längeren Bandes sind, wird sich zeigen müssen, wenn das Verfahren seine Akten und Antworten produziert.
AmeriTrust selbst hat sich zu den laufenden Verfahren nicht öffentlich geäußert. HousingWire berichtete, dass sich die Beklagten zunächst nicht unmittelbar geäußert hätten. Damit beginnt die übliche Choreografie: Anwälte, die Erklärungen verweigern, Schweigen, das man als Strategie kauft, und die langsame Aktenführung, in der ein Fall seine Konturen erst noch gewinnen muss. Was bleibt, ist das Bild einer Stadt, deren Straßenkanten aussehen, als hätte sich seit Jahrzehnten nichts verändert — während in den Grundbüchern ein sehr geschäftiges Treiben stattfand.
❖ Ende des Artikels ❖
