Was die Stille vor Kuba verrät — und was sie verschweigt
Eine Meldung. Ein einziger Sender. Ein einziges Wort, auf dem alles lastet: „potenziell." So beginnt, wenn CBS News recht behält, eine Geschichte, die noch keine ist.
Der Bericht, aufgegriffen aus dem täglichen Nachrichtenstrom vom Sept. 27, formuliert mit jener vorsichtigen Präzision, die man in Washington lernt, wenn man lernt, nichts zu sagen, ohne es zu sagen: Die US-Regierung habe den „Grundstein gelegt" für „potenzielle Maßnahmen rund um Kuba". Was auch immer dies bedeutet — es bedeutet vor allem, daß jemand sich eine Tür offenhält, durch die er später gehen könnte.
„Potenziell." Es ist ein Wort wie ein Handschuh aus dünner Seide. Es wärmt nicht, aber es verdeckt die Hand. In der Sprache der Macht, die ich in Genf an Verhandlungstischen studieren durfte, in Räumen, in denen Männer lächelten, während sie sich selbst widersprachen, bedeutet dieses Wort dreierlei: Alles, nichts, oder das, was als Gegenteil erscheinen soll. Es bedeutet, daß ein Spiel begonnen hat, dessen nächster Zug uns nicht gehört.
Die Beschaffenheit der Quelle ist das eigentlich Verstörende. CBS News beruft sich auf nicht näher genannte Quellen innerhalb des militärischen Establishments. Eine Quelle, deren Namen wir nicht kennen, deren Rang wir nicht prüfen können, deren Motivation wir nicht ermessen. Kein Pentagon-Sprecher hat die Meldung bestätigt. Das Weiße Haus hat sie nicht kommentiert. Kein zweiter Korrespondent, keine zweite Zeitung, keine zweite Regierung hat sie bislang wiederholt. Ein Bericht, allein in der Nachtluft. Eine Kerze, deren Docht niemand gesehen hat.
In solchen Stunden erinnert man sich der Karibik, wie sie immer war. Sie war das Übungsgelände. Sie war der Vorgarten. Sie war der Ort, an dem Doktrinen sich bewährten oder scheiterten, je nachdem, wer am längeren Hebel saß. Die Monroesche Doktrin ist keine historische Fußnote für Studenten — sie ist ein atmender Organismus, der sich alle paar Jahrzehnte reckt und streckt, als wolle er beweisen, daß er noch lebt. Kuba war Versuchsfeld. Kuba war Bühne. Kuba war, und dies sage ich mit der Müdigkeit derjenigen, die zu viele Verträge hat sterben sehen, immer ein Ort, an dem die großen Worte klein wurden und die kleinen Taten groß.
Was also könnte „Grundsteinlegung" konkret heißen? Die Verlegung von Marineeinheiten in den Golf von Mexiko oder die Karibische See? Die Aktivierung der Stützpunkte in Florida, in Guantánamo, in Puerto Rico? Die Stationierung von Aufklärungsschiffen, die näher an kubanische Gewässer heranreichen, als es üblich ist? Die Konsultation mit regionalen Verbündeten über Logistik, Überflugrechte, Landerechte? Nichts davon ist bestätigt. Alles davon ist denkbar. Der Leser, der diese Zeilen jetzt liest, sollte wissen: Wir geben wieder, was behauptet wird — nicht, was geschieht.
Die Rhetorik der Drohung folgt, wenn sie kommt, einem Ritual, das älter ist als die Vereinten Nationen. Man verlegt Schiffe, ohne ihren Zweck zu nennen. Man bestellt Botschafter zu Konsultationen, die keine sind. Man läßt Flugzeuge fliegen, die zählen, ohne daß sie zählen sollen. Man schweigt. Es ist die Sprache der kleinen Bewegungen, der gegenseitigen Kenntnisnahme, des Wartens. Wer in dieser Sprache nicht lesen kann, versteht die Karibik nicht.
Wir wissen: Eine Meldung existiert. Sie wurde nicht dementiert. Sie wurde nicht bestätigt. Ein einziges Adjektiv hält sie in der Schwebe. Was wir nicht wissen: Alles andere.
Und dies ist, diplomatisch gesprochen, die gefährlichste aller Positionen. Nicht weil etwas geschieht. Sondern weil alles geschehen könnte. Die Geschichte hat uns gelehrt, daß die Stille vor dem Schuß die Stille ist, in der man auf den Schuß warten muß — und daß niemand, der in dieser Stille spricht, jemals ganz bei der Wahrheit war.
Die Handschuhe liegen bereit. Auch beim Schreiben.
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