New Yorker Viertelstunde: Wadephul trifft Lawrow, Lawrow ätzt
Der Pfeifenrauch zieht durch das Redaktionsbüro. Die Terminal Tribune hat überlebt, was Wissenschaft und Politik gleichermaßen nicht versprochen haben: einen weiteren Morgen.
In New York, am Rande der UN-Generaldebatte, ist etwas geschehen, das die Agenturen als historisch verkaufen werden. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul hat sich mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow getroffen. Das erste bilaterale Gespräch auf Außenministerebene seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Das höchstrangige Treffen beider Länder seit Jahren — genauer: seit Januar 2022.
Zwanzig Minuten. So lange dauerte es. Zwanzig Minuten und ein Händedruck zum Abschied. Dass die deutsche Seite um das Gespräch gebeten hatte, verriet die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, über die Nachrichtenagentur Tass. Die Russen ließen die Deutschen den ersten Schritt tun — und beobachteten, was dabei herauskommt.
Dreißig Jahre habe ich Laboratorien und Pressekonferenzen gesehen. Die Formel ist stets dieselbe: Eine Stunde Forschung ergibt eine Schlagzeile. Eine Stunde Diplomatie ergibt einen Händedruck.
Wadephul forderte laut deutscher Delegationskreise den russischen Außenminister auf, den "gefährlichen Weg der Eskalation gegenüber Deutschland, Europa und der Nato" zu verlassen. Er erwähnte den Anschlagsversuch am Leipziger Flughafen Anfang August. Er sprach von einem "ohnehin bereits schwer beschädigten bilateralen Verhältnis." Er betonte, die Möglichkeit der Rückkehr zu einem konstruktiveren Verhältnis bestehe "jederzeit" — dies setze jedoch die ernsthafte Bereitschaft der russischen Führung voraus, den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden. Eine solche Bereitschaft sei "bislang nicht zu erkennen."
Drei Worte, die ich anstreiche. Bislang nicht zu erkennen. Seit dreieinhalb Jahren.
Wadephul verurteilte die "anhaltende, immer zielgerichtetere russische Aggression gegen die ukrainische Zivilbevölkerung." Jeden Monat stürben Zehntausende russische Soldaten in einem "aussichtslosen Stellungskrieg", während die russische Wirtschaft immer weiter zusammenbreche. Die Lösung liege seit dem ersten Tag auf dem Tisch: Ende der Aggression, Rückzug der Truppen, dauerhafter Waffenstillstand. Die Ukraine habe ihre Verhandlungsbereitschaft unzählige Male erklärt. Deutschland stehe bereit, diesen Weg weiter zu unterstützen.
Zudem rief der Minister Russland auf, alle Möglichkeiten für eine Vereinbarung über Getreideexporte durch das Schwarze Meer zu ergreifen. Die Zeit dränge. Angesichts der Nahrungsmittelknappheit im Globalen Süden müssten alle Seiten bereit sein, sich konstruktiv einzubringen. Eine pragmatische Lösung könne den Weg für weitere Kooperation ebnen.
So weit das Drehbuch. Nun die Probe danach. Dies ist der Moment, in dem die Kulissen fallen.
Lawrow sprach anschließend mit der Deutschen Presse-Agentur. Gefragt nach den Ergebnissen, sagte er: "Wenn man Berlins tägliche öffentliche Erklärungen betrachtet, habe ich nichts anderes gehört." Er habe Wadephul gesagt: "Sie hätten mich einfach anrufen und mir sagen können 'Lesen Sie meine Erklärung.'"
Zwanzig Minuten in New York. Die deutsche Delegation hatte darum gebeten. Die russische Seite hatte zugesagt. Und nach zwanzig Minuten urteilte Lawrow: Man hätte sich das Treffen sparen können.
Die Deutschen erklären, es fehle an konstruktiver Bereitschaft auf russischer Seite. Die Russen erklären, die Deutschen hätten nichts Neues vorgetragen. Beide Aussagen schließen einander nicht aus — sie ergänzen sich. Das ist die diplomatische Choreografie dieses Jahres: Beide Seiten sprechen. Beide Seiten hören zu. Beide Seiten verlassen den Raum mit dem Text, mit dem sie ihn betreten haben. Der Händedruck am Ende war keine Einigung. Er war Interpunktion.
Derweil, in Charkiw, wurden neunundzwanzig Menschen bei einem russischen Angriff auf ein Wohnhaus verletzt, darunter zehn Minderjährige. In der Region Kiew kamen zwei Menschen durch russische Angriffe ums Leben. In Oleschky, einer Frontstadt auf russisch besetztem Gebiet, lieferten ukrainische Truppen mit Lastdrohnen vier Tonnen Lebensmittel an zweitausend Menschen, die seit Monaten abgeschnitten sind — darunter fast fünfzig Kinder. Der letzte Laden schloss nach UN-Angaben im Januar. Seit Mai seien keine Lebensmittel mehr in den Ort gelangt.
Das ist der Kontext, in dem ein zwanzigminütiges Gespräch stattfindet. Die UN-Generaldebatte tagt. Minister schütteln Hände. Sie sprechen von Eskalation und Pragmatismus. Sie erwähnen Getreideexporte, während Häfen vermint sind und Gleitbomben auf Wohnhäuser fallen.
Wer bezahlt diese Treffen? Der Steuerzahler fliegt seinen Außenminister nach New York. Was von der russischen Staatskasse übrig ist, fliegt Lawrow. Die amerikanischen Gastgeber stellen das Gebäude, die UN das Podium. Alle bekommen ein Foto. Der Krieg geht weiter.
Ich bin zu alt, um überrascht zu sein. Ich habe zu viele große Ankündigungen in Fußnoten enden sehen. Wenn ich "erstes bilaterales Treffen seit Kriegsbeginn" lese, höre ich: erster Versuch, konstruktiv zu erscheinen, ohne es zu sein.
Lawrows öffentliche Kritik nach dem Treffen verrät das Wesentliche. Ein erfahrener Diplomat kritisiert seinen Gesprächspartner nicht unmittelbar nach einer Begegnung, es sei denn, die Begegnung hat keinen Zweck erfüllt — oder die Kritik selbst erfüllt einen Zweck. Vielleicht wollte Lawrow seinem heimischen Publikum zeigen, dass sich nichts geändert hat. Vielleicht wollte Wadephul seinem heimischen Publikum zeigen, dass er es versucht hat. Beide Publika bekamen, was sie erwarteten.
Was wurde in dem New Yorker Raum tatsächlich verhandelt? Was stand auf dem Papier, das nicht auch eine Telefonverbindung hätte tragen können? Welcher Inhalt war so schwer, dass er ein persönliches Treffen erforderte — und gleichzeitig so leicht, dass Lawrow es im nächsten Atemzug als überflüssig bezeichnen konnte?
Die Archive der Terminal Tribune bergen Protokolle von Sitzungen, die alles versprachen und nichts hielten. Die Namen wechseln. Die Räume wechseln. Das Muster bleibt.
Was also wurde in jenem New Yorker Besprechungszimmer wirklich verhandelt, das nicht auch ein Telefonat hätte besorgen können?
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