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Terminal Tribune

28. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Die leere Mitte: Notizen aus einem sterbenden Haus

28. September 2026 — — Kastner

Es gibt Sätze, die sagt man einmal, und sie bleiben hängen wie der Geruch von billigem Zigarrenrauch in einem Genfer Konferenzraum, in dem Männer Hände schüttelten, während ihre Attachés bereits die nächste Lüge vorbereiteten. Friedrich Merz hat einen solchen Satz gesagt. Er versprach, den Zuspruch zur AfD zu halbieren. Was er nicht sagte, was er vielleicht nicht einmal dachte, weil Männer dieses Schlages selten zu Ende denken: dass eine Halbierung des Zuspruchs zu einer Partei nur dann gelingen kann, wenn man den Menschen, die zu ihr gehen, eine Adresse gibt, die noch steht.

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Die CDU steht nicht mehr. Sie ist erstmals in ihrer Geschichte aus einem Landesparlament geflogen, und wer jetzt so tut, als sei das ein Sturm von außen gewesen, ein rücksichtsloser Angriff der Manuela Schwesig oder die Laune einer unberechenbaren Wählerschaft, der lügt. Es war kein Sturm. Es war ein Vakuum. Und Vakua, das weiß jede Diplomatin, die jemals einem Verhandlungstisch gegenübersessen hat, füllen sich. Immer. Nicht immer mit dem, was man sich wünscht.

Hier beginnt das Drama, das die deutschen Redaktionen derzeit in widersprüchlichen Tönen beschreiben. Die einen, wie die taz-Kommentatorin Anna Lehmann, sagen es klar: Merz hat das CDU-Desaster selbst zu verantworten, er und seine Partei, niemand sonst. Er habe die Wählerschaft eingedampft mit seinem Versprechen von „CDU pur", er habe aus einer Volkspartei eine Klientelpartei für Immobilienkonzerne, Vermögende und Arbeitgeber gemacht, gegen den Mietendeckel geklagt, die Autos über alles gestellt und im Interesse der Gaslobby Gesetze zurückgedreht — eine christlich-demokratische FDP, mit entsprechenden Wahlergebnissen. Andere, in der FOCUS-Online-Community, verweisen auf externe Faktoren: den Druck von links, die Unmöglichkeit, gleichzeitig konservativ und regierungsfähig zu sein, den vermeintlichen Linksruck, der die letzten konservativen Wähler zur AfD getrieben habe. Beide lesen dieselben Wahlergebnisse. Beide kommen zu verschiedenen Diagnosen. Und beide haben, auf ihre Weise, recht.

Denn die Widersprüche sind nicht aufzulösen, sie sind der Stoff selbst. Die CDU verlor in Mecklenburg-Vorpommern, in Berlin, in Sachsen-Anhalt — die meisten Wählerinnen und Wähler gingen nicht zur SPD, nicht zu den Grünen. Sie gingen zur AfD. Das ist die eine Wahrheit. Die andere: dass dieselbe CDU, die nun blutet, sich einst von Angela Merkel über sechzehn Jahre hinweg dadurch stabilisierte, dass sie genau das tat, was man ihr nun vorwirft — sie besetzte fremde Themen und gewann Wahlen. Nur hat sich das Spielfeld verändert. Die konservative Lücke, die Merkel mit Sozialdemokratischem stopfte, ist heute von der AfD besetzt. Und die Mitte, diese sonderbare, schüttere Mitte, die weder links noch rechts sein will, aber auch nicht mehr sein kann, was sie einmal war — diese Mitte ist kein Ort mehr. Sie ist ein Schlachtfeld, auf dem Union, SPD und Grüne längst nicht mehr die Strategien der Ränder kontern, sondern nur noch deren Folgen verwalten.

Man kann das den inneren Verfall nennen, man kann es den äußeren Druck nennen. Tatsächlich ist es beides gleichzeitig, und genau darin liegt das Vakuum. Eine Partei, die nicht mehr weiß, ob sie sich nach links drehen soll, um Wähler zurückzugewinnen, oder ob jede Drehung neue Wähler nach rechts verliert, hat keine Strategie mehr — sie hat nur noch Mechanik. Und Mechanik ersetzt keine Vision.

In dieselben Tage, in denen diese Debatte mit einer Schärfe geführt wird, die manchem Beobachter wie eine Autopsie am offenen Herzen vorkommen muss, fällt ein Vorgang, der auf den ersten Blick wenig mit der Krise der bürgerlichen Mitte zu tun hat — bei näherer Betrachtung sehr viel. Die Berliner CDU-Politikerin Maja Koçak steht in der öffentlichen Diskussion, weil Chatnachrichten mit dem als Clan-Angehörigen geltenden Firas Remmo bekannt wurden. Koçak hat sich entschuldigt. Die Diskussion über mögliche Verbindungen in clan-strukturelle Milieus hält an, sie wird geprüft, und die Prüfung selbst ist bereits Teil der politischen Wunde. Man trennt hier, was getrennt werden muss: die Vorwürfe stehen zur Diskussion, sie sind nicht verifiziert, und eine ordentliche Berichterstattung hält diese Linie. Aber der Vorgang zeigt, wie durchlässig die Ränder geworden sind, wie schnell die Sprache der Straße in die Sprache der Gremien sickert, und wie wenig die bürgerliche Mitte darauf vorbereitet ist, mit solchen Berührungspunkten umzugehen.

Die Ironie dieser Wochen ist eine doppelte. Die CDU, die einst glaubte, die Mitte zu sein, wird an ihrer eigenen Peripherie blutend vorgefunden. Und die Mitte selbst, jenes Phantom aus Vernunft und Kompromiss, das angeblich nirgendwohin gehört und überallhin gehören sollte, ist zur Projektionsfläche geworden — für die Sehnsüchte der Enttäuschten, für die Ängste der Besitzenden, für die Wut der Abgehängten, und nicht zuletzt für die geschickten Vereinfacher an beiden Rändern, die ihr jeweils ihre eigene, bequeme Mitte erzählen.

Was bleibt, ist die Frage, die keine der vorgelegten Quellen stellt, die aber jede Journalistin stellen muss, die je einen Blick hinter den Vorhang geworfen hat: Was geschieht mit einem Land, das seine bürgerliche Mitte verliert, ohne zu wissen, wohin die Menschen gehen sollen, die einmal ihre Mitte waren? Man kann diese Frage stellen, ohne sie zu beantworten. Man sollte sie stellen, gerade weil die Antwort nicht in den Sonntagsreden liegt, nicht in den Reformprogrammen, und nicht in den entschuldigenden Chats, die nun Gegenstand der Prüfung sind.

Die Verträge, die ich in Genf gesehen habe, wurden nie eingehalten. Aber sie wurden wenigstens noch unterzeichnet. Heute, im Herbst 2026, wird nicht einmal mehr das versucht. Man verteidigt kein Dokument mehr. Man verteidigt eine Stimmung. Und Stimmungen sind das, was man am schnellsten verliert — und das, was am schwersten zurückzuholen ist.

Die Mitte leert sich. Wir schreiben ihre Abwesenheit auf, in der leisen Hoffnung, dass jemand den Mut hat, sie wieder zu füllen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 0 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Die CDU/Mitte befindet sich in einer Krise und erlebt ein gefährliches Vakuum

    die vorgeschlagene Belegstelle steht so NICHT im Quelltext und wurde deshalb verworfen; das ist eine Aussage ueber den Vorschlag, nicht ueber die Quellenlage

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „Denn es erschüttert nicht nur die CDU bis ins Mark, [...] es hinterlässt auch ein gefährliches Vakuum in der bürgerlichen Mitte.“

  2. ZITAT "Die Mitte ist nicht links! Aber auch nicht rechts"

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  3. ZITAT Über Koçak gibt es Diskussionen über mögliche Clan-Kontakte und die Aussage "Er kennt ihn nicht, sagt aber Bruder"

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZITAT "Ohne Gefühl und Gerechtigkeit geht gar nichts"

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  5. ZITAT Die Union, SPD und Grünen hätten wenig Gegenstrategie gegen die politischen Ränder in Landtagswahlen gezeigt

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

  • 3 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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