Londons dreißig Milliarden und Burnhams stille Weigerung
Es gibt Zahlen, die lügen nicht. Sie stehen einfach da, kalt und präzise, und warten darauf, dass jemand sie ausspricht. Dreißig Milliarden Pfund — so groß ist die Lücke, die der Brexit in die Londoner Wirtschaft gerissen hat. Das hat Sadiq Khan nicht erfunden, das hat London nicht erfunden, das haben Ökonomen gerechnet, und es steht in jeder seriösen Bilanz, die seit 2020 geschrieben wurde. Dreißig Milliarden. Das ist kein Konjunkturtief, das ist eine Wunde, die jeden Monat weiter blutet, während Andy Burnham, Premierminister dieser eigentümlich erschöpften Insel, in seiner politischen Mitte verharrt und so tut, als ließe sich Warten mit Führen verwechseln.
Khan fordert, dass Burnham jetzt, sofort, den Weg zurück in die Europäische Union sucht. Nicht nach der nächsten Wahl, nicht in einem sanften Aufwasch, sondern als Programm, als offene Politik. Ein Kabinettsminister warnt unterdessen, die „Lähmung" beim Brexit werde das Land „kosten" — welcher Preis genau gemeint ist, bleibt im politischen Halbdunkel, aber die Richtung ist eindeutig. Ed Miliband spricht von „tieferen Bindungen" an Europa, Labour-Abgeordnete scharen sich hinter Khans Forderung, und aus der Hauptstadt selbst kommt ein deutliches Signal: Zwei Drittel der Londonerinnen und Londoner wollen den Wiedereintritt in die EU.
Hier nun beginnt das Stück, das auf keiner Bühne gespielt werden soll. Burnham hat den Wiedereintritt einst selbst befürwortet — als er noch nicht in der Downing Street saß, als Manchester ihn trug und nicht die Last des Landes. Seit er Premier ist, ist aus der Überzeugung eine Temperaturkurve geworden: abgekühlt, vorsichtig, mit dem Blick auf die eigenen Reihen und die Wahlergebnisse von gestern und übermorgen. Man kann das Zögern Klugheit nennen oder politische Klugheit; man kann es aber auch das nennen, was es ist — das stille Veto eines Mannes, der weiß, dass jede Bewegung einen Preis hat, und der sich entschieden hat, den Preis der Bewegung höher zu bewerten als den Preis des Stillstands.
Dreißig Milliarden Pfund kleiner ist Londons Wirtschaft im Vergleich zu dem, was sie ohne Brexit wäre. Diese Zahl steht im Raum, während Khan in Westminster spricht und Burnham in Manchester und Manchester in Burnham — eine Innenwelt, die nach außen wie Führung aussieht und nach innen wie ein Schachspiel gegen sich selbst. Khan war von 2005 bis 2016 Abgeordneter für Tooting, kennt das Parlament von innen und die Stadt von außen, und er weiß, dass eine Hauptstadt, die sich ökonomisch verblutet, am Ende auch politisch verblutet. Deshalb sein Ton: nicht bittend, sondern fordernd. Nicht höflich, sondern dringlich.
Die Diskrepanz ist das Thema, auch wenn niemand es so nennt. Auf der einen Seite die Mehrheit einer Stadt, die den Wiedereintritt will. Auf der anderen Seite ein Premier, der einst dafür war und es heute nicht mehr ist. In der Mitte eine Partei, deren Flügel sich gegenseitig belauern, und ein Land, das seit Jahren die Quittungen einer Entscheidung bezahlt, die 2016 mit großen Versprechen verkauft wurde. Die Kabinettsminister, die jetzt vor „Lähmung" warnen, waren nicht immer so deutlich — sie waren Teil jener Koalitionen, die das Thema klein hielten, als es noch hätte groß sein können. Auch das gehört zur Akte.
Milibands Wort von den „tieferen Bindungen" ist die diplomatischere Variante desselben Stoffs. Es klingt nach Brücke, meint aber Einlass. Es klingt nach Partnerschaft, meint aber Revision. Es ist die Sprache von Männern, die sich trauen, das Ziel zu benennen, solange das Ziel noch im Nebel liegt. Sobald ein konkreter Schritt bevorstünde, würde dieselbe Sprache wieder weich werden. Das ist das Muster. Das ist immer das Muster.
Was bleibt, ist die Zahl. Dreißig Milliarden. Sie ist nicht spekulativ, sie ist nicht parteiisch, sie ist das, was die Londoner Wirtschaft heute kleiner ist als sie ohne Brexit wäre. Und sie wächst, Monat für Monat, weil Burnham zögert und das Kabinett warnt und Khan fordert und Miliband beschwichtigt und alle so tun, als wäre die Zeit neutral. Sie ist es nicht. In dieser Rechnung ist langsam teuer. Und der Preis, der heute nicht gezahlt wird, wird morgen fällig — mit Zinsen, in einer Währung, die keine Stadt mehr selbst drucken kann.
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