Architektur der Angst: Moskau und das Gespenst des Dritten Weltkriegs
Es gibt Reden, die nicht gehalten werden, um etwas mitzuteilen, sondern um etwas hinterlassen zu haben – Spuren im Archiv des Sagbaren, auf die man sich später berufen kann. Wenn Sergej Lawrow, dieser Mann mit dem Gesicht eines Gymnasiallehrers, der in Genf zu oft Verträge gesehen hat, die nach der Unterzeichnung aufhörten, vor die westliche Presse tritt, dann erklärt er, die Anführer des Westens trieben Wladimir Putin in den Krieg. Die Formulierung ist kein Ausrutscher. Sie ist architektonisch. Sie verteilt die Last dorthin, wo sie nach Lesart des Kreml hingehört: auf die Schultern derer, die ohnehin schon unterm Druck stehen.
Die Mechanik dieser Rhetorik ist nicht neu. Sie ist so alt wie die Sowjetunion selbst, nur wird sie heute mit anderen Materialien gebaut. Da ist zunächst die historische Geisel: das „Vierte Reich". Der Kreml erzählt es nicht zum ersten Mal, aber er erzählt es jetzt lauter, und die Lautstärke ist die Botschaft. Das Wort soll nicht analysieren, es soll assoziieren. Es soll das Bild eines Deutschlands heraufbeschwören, das schon einmal mit Panzern nach Osten fuhr, und es soll verschweigen, dass dieselbe Logik, auf Russland angewendet, eine wäre, die Moskau selbst nicht aushalten könnte.
In dieses Bild wird der nukleare Pinsel getaucht. Putin, heißt es aus Moskau, könnte Europa in einem „kurzen Atomkrieg" zerstören. Die Formulierung „kurzer Atomkrieg" ist ein Oxymoron, das nur jene für möglich halten, die ihn nie erlebt haben – und genau deshalb funktioniert sie als Drohung. Sie ist kurz genug, um zitierfähig zu sein, und ungeheuerlich genug, um in Schlagzeilen zu landen. Sie soll nicht abschrecken, sie soll zermürben. Sie soll den Journalismus in Atem halten und den Gegner zwingen, jede seiner Bewegungen als potenzielle Eskalation zu lesen.
Dass Lawrow zugleich den Westen beschuldigt, Putin in den Krieg zu treiben, ist das Gegenstück zu dieser Drohung. Es ist die perfekte Spiegelung: Wer droht, behauptet, er werde nur reagieren. Wer aufrüstet, behauptet, er werde nur antworten. So entsteht das Bild eines Russlands, das in eine Ecke gedrängt wird, aus der es nach eigener Lesart keinen Ausweg mehr gibt als den der Eskalation. Die Ecke ist gebaut, nicht gefunden.
In diese Ecke gehören auch die jüngsten Warnungen. Ein ranghoher russischer Sicherheitsbeamter erklärte, eine von der NATO durchgesetzte Flugverbotszone über der Ukraine könne einen direkten Konflikt auslösen. Die Flugverbotszone selbst war nie eine operative Option der Allianz; sie war ein Gedankenspiel, das in Talkshows geführt wurde. Aber Moskau baute aus diesem Gedankenspiel eine Eskalationsleiter, Sprosse für Sprosse. Eine Flugverbotszone, heißt es, führe zur Konfrontation mit russischen Jets, die Konfrontation zum Abschuss eines Jets, der Abschuss zum Krieg. Wer die unterste Sprosse benennt, hat die anderen bereits gezimmert.
Zur selben Zeit, im September, unterzeichnete Putin ein Dekret zur vierten Erweiterung der russischen Streitkräfte binnen sieben Monaten. Die genehmigte Gesamtzahl stieg auf 2.441.630, davon 1.550.500 Soldaten. 52.500 Positionen wurden in einem halben Jahr hinzugefügt – mehr als in den ersten vier Jahren der vollständigen Invasion der Ukraine zusammengenommen. Die Zahlen sprechen eine Sprache, die leiser ist als die der Bomben, aber nicht weniger lesbar. Sie sagen: dies ist kein Ende, dies ist eine Vorbereitung.
Dass Russland 2014 die Krim annektierte und damit zum ersten Mal seit dem Vorfeld des Zweiten Weltkriegs Landgrenzen in Europa mit Gewalt verschob, ist die einzige Fußnote, die in dieser Rechnung wirklich zählt. Sie ist das Präzedenz, das die gesamte Rhetorik des Kreml trägt. Wer einmal eine Grenze verschoben hat, kann von jedem Staat, der seine eigene verschieben will, sagen: Er tut, was ich tat. Er kann zugleich sagen: Ich werde es wieder tun. Und er kann, indem er den Dritten Weltkrieg an die Wand malt, sicherstellen, dass die Welt sich nicht einigt, was sie dagegen unternehmen soll.
Putin selbst hat mehrfach vor dem Dritten Weltkrieg und einem nuklearen Wettlauf mit den Vereinigten Staaten gewarnt. Die Warnung kommt aus dem Mund eines Mannes, dessen Land als einziges seit 1945 eine europäische Hauptstadt mit Raketen beschossen hat – Kiew, aus dessen Betten Kinder gerissen wurden. Sie kommt aus dem Mund eines Mannes, dessen Truppen in einem Nachbarland stehen, das sie nie verlassen wollten. Die Warnung trägt die Handschrift der Erpressung.
Warum das alles funktioniert? Weil Angst ein bewirtschaftbares Feld ist. Wer den Zustand potentieller Krise aufrechterhält, macht Verhandlung zum Privileg und Unterwerfung zur Vernunft. Er verschiebt die Schwelle dessen, was als normal gilt. Er gewöhnt die Welt an sein Vokabular – „kurzer Atomkrieg", „Viertes Reich", „Eskalationsleiter" – bis sie vergisst, dass es sein Vokabular ist. Das ist die Mechanik hinter dem Vorhang, während alle auf die Bühne starren: ein Dauerzustand, der niemals enden muss, damit er niemals enden kann.
Die Handschuhe, die ich beim Schreiben trage, sind nicht kalt. Sie sind nur dazu da, das Papier nicht zu beschmutzen. Was Moskau betrifft, so braucht es keine Handschuhe. Es hat seine Hände ohnehin nie versteckt.
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