ien wählt — und niemand weiß mehr, was das Land zusammenhält
São Paulo, Brasília, irgendein Hinterhaus. Die Republik atmet schwer.
Wenn an diesem Wochenende in Brasilien gewählt wird, dann treten offiziell dreizehn Kandidatinnen und Kandidaten an, und in Wahrheit geht es um zwei Männer, die einander so ähnlich sind, wie sie sich hassen: der erfahrene Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der seine vierte Amtszeit anstrebt, und Flávio Bolsonaro, der Sohn eines Mannes, der das Land schon einmal in den Abgrund riss und es offenbar gerne ein zweites Mal täte. In Umfragen lag Lula vorne, in den vergangenen Wochen hat Flávio Bolsonaro aufgeholt, und mit einer Stichwahl Ende Oktober rechnet die Hauptstadt. So weit, so bekannt. So weit, so trügerisch.
Denn was sich vor den Kameras abspielt, ist nicht das, was das Land zermalmt.
Die Schlagzeilen sprechen von Rechts gegen Links. Sie sprechen von US-Präsident Donald Trump, der Flávio Bolsonaro offen unterstützt, und vom argentinischen Präsidenten Milei, der es ihm gleichtut; sie sprechen von Lula, der sich an China anlehnt, weil Brasilien in der BRICS-Gruppe eine Rolle spielen will, die größer wirkt als seine momentane politische Substanz. All das stimmt. All das erklärt nichts.
Was diese Wahl tatsächlich entscheidet — und was sie eben nicht entscheiden kann —, ist ein Bruch, der älter ist als jede Ideologie: Jung gegen Alt.
Man muss es so nennen, weil es sonst niemand ausspricht. Eine Generation, die in einer Welt aufgewachsen ist, in der das Versprechen sozialer Mobilität längst gebrochen wurde, steht einer Generation gegenüber, die noch glaubt, die alten Verträge erneuern zu können, indem man sie nur oft genug unterschreibt. Die einen blicken auf Flávio Bolsonaro, weil er jung ist, schneidig, unverbraucht — ein Versprechen auf eine Zukunft, die sie nicht mehr kennen. Die anderen blicken auf Lula, weil er alt ist, weil er weiß, wo die Hebel sitzen, weil er die Müdigkeit der Erfahrenen mitbringt, die allzu gern mit Erfahrung selbst verwechselt wird.
Religion spielt in diesem Wahlkampf eine Rolle, und das ist kein Nebensatz. Beide Seiten — man muss es so sagen, weil es wahr ist — nutzen sie teils auf absurde Weise. Pfingstgemeinden werden zu Wahlkampfmaschinen, katholische Basiliken zur Bühne, Evangelikale zu Türöffnern in Favelas, die der Staat seit Jahrzehnten nicht mehr betritt. Es ist ein alter Mechanismus in neuer Verpackung: Wer Seelen sammelt, sammelt Stimmen, und wer Stimmen sammelt, sammelt Macht.
Und doch — man kann es nicht oft genug sagen — ist die eigentliche Frage nicht, wer diese Wahl gewinnt. Die eigentliche Frage lautet: Was hält diesen Konflikt überhaupt noch am Laufen?
Die ehrliche Antwort kennt zum Zeitpunkt dieser Niederschrift niemand. Sie liegt irgendwo zwischen einer Wirtschaft, die sich nach Stabilität sehnt und sie gleichzeitig zerstört, einer Justiz, die sich als vierte Gewalt versteht und dabei häufig zur ersten wird, und einer politischen Klasse, die in den vergangenen Jahrzehnten jede Reform so lange zerredet hat, bis sie niemand mehr wollte. Sie liegt in einer Gesellschaft, die gelernt hat, dass Wahlen weniger entscheiden als verwalten — den immer gleichen Kreislauf aus Empörung und Erschöpfung.
Brasilien ist, das darf man so sagen, ein Land im Stresstest. Nicht weil die Institutionen plötzlich kollabieren — sie tun es seit Jahren leise, und es kümmert niemanden. Sondern weil ein Generationenkonflikt an die Oberfläche drängt, der sich nicht mehr in linke oder rechte Schubladen pressen lässt, und weil keine der beiden Seiten einen Vorschlag hat, wie dieser Konflikt zu lösen wäre, ohne dass die andere verliert.
Was bleibt, ist ein Patt, das sich Wahl nennt. Was bleibt, ist ein Volk, das wählt, weil es nicht mehr weiß, was es sonst tun soll. Was bleibt, ist die offene Frage, die in den kommenden Wochen alle anderen überlagern wird: Wer hält das zusammen, was auseinanderfällt? Und vor allem — wie lange noch?
Eine Anmerkung in eigener Sache, die in unserem Haus niemand überspringen sollte: Dieser Beitrag stützt sich auf eine einzelne Quellenbasis, namentlich auf den Podcast Fernverbindung der taz und die dort versammelte Berichterstattung. Alle hier wiedergegebenen Aussagen, Umfragewerte, zugeschriebenen Positionen und zugespitzten Formulierungen müssen vor einer Veröffentlichung absolut verifiziert und mit weiteren unabhängigen Quellen abgeglichen werden. In einem Land, in dem Nachrichten längst selbst zur Waffe geworden sind, ist eine zweite Stimme kein Luxus. Sie ist Voraussetzung.
❖ Ende des Artikels ❖
