Das Drehbuch der Abneigung — und warum die GOP sich selbst vergisst
Manche Strategien verraten sich nicht durch das, was sie tun, sondern durch das, was sie unterlassen. Wer Monate vor einer Wahl weniger daran arbeitet, sich selbst eine Identität zu geben, und mehr daran, dem Gegner die seine zu nehmen, hat eine Entscheidung getroffen — und sei es nur die, keine bessere zu haben. Wer mit Handschuhen in Archive greift, weiß: Die aufschlussreichen Papiere sind oft die, die nie abgelegt wurden.
Die Republikanische Partei befindet sich in einem Schwebezustand, der von außen wie Selbstbewusstsein aussieht und von innen wie Berechnung. Da ist zum einen der Präsident, der während der Hispanic Heritage Month im Weißen Haus zugibt, die Migrationspolitik sei „der härteste Job, den ich je hatte" — weil die Wähler ihn bald als zu hart, bald als zu weich empfinden. Da sind zum anderen die Zahlen aus der September-Umfrage von New York Times und Siena University: 65 Prozent der hispanischen Wähler sind unzufrieden mit der Amtsführung, 78 Prozent wünschen sich demokratische Kontrolle des Kongresses.
Hier klafft ein bemerkenswerter Widerspruch in der Erzählung über diese Partei. Konservative Medien berichten von Begeisterung, von einer mobilisierten Basis, von Triumph. Andere Beobachter — und zu ihnen gehört inzwischen auch der Präsident selbst, wenn er zwischen den Zeilen spricht — berichten das Gegenteil: dass die Wähler nicht für die Republikaner seien, sondern gegen die Demokraten. „Sie sind nicht sauer auf mich, aber sie sind sauer auf die Republikaner", hat Trump selbst eingeräumt. Die Strategie ist erkennbar: Man muss nicht gemocht werden, man muss nur dafür sorgen, dass der andere weniger gemocht wird.
Es ist die Logik des geringsten Widerstands in einer Zeit, in der wirtschaftliche Sorgen das Vertrauen erodieren lassen. Hispanische und latinoese Haushalte geben im Durchschnitt 3,93 Prozent ihres Einkommens für Treibstoff aus, nicht-hispanische weiße Haushalte 2,40 Prozent — ein Gefälle, das sich an der Zapfsäule in politische Empörung verwandelt. Hinzu kommen die Folgen der eigenen Politik: Der republikanische Berater Mike Madrid, der die lateinamerikanischen Trends seit Jahren beobachtet, sagt, der Präsident habe an der Grenze „dramatisch überzogen" und werde dafür bezahlen.
Parallel formiert sich auf der anderen Seite ein Phänomen, das die Organisation Justice Democrats nährt. Wähler, die nicht aus Begeisterung für eine Bewegung entscheiden, sondern aus Frustration über eine Partei, die zu wenig Kampfgeist gezeigt habe. „Das Establishment war unfit zu kämpfen", sagt der Sprecher Usamah Andrabi. Sieben gewonnene Vorwahlen in diesem Zyklus, drei gestürzte Amtsinhaber — darunter der Vorsitzende des Congressional Hispanic Caucus, Adriano Espaillat, geschlagen von Darializa Avila Chevalier. Die Bewegung hat verstanden: Wenn der Gegner schwächelt, gewinnt man nicht durch Beifall, sondern durch Antrieb.
Die Republikaner versuchen nicht mehr, eine Mehrheit zu gewinnen. Sie versuchen, die Unzufriedenheit umzuverteilen. Das ist ein kurzfristiges Kalkül, das in den Umfragen bestätigt wird: Beide Parteien werden inzwischen mit ähnlicher Abneigung bedacht. Die Wähler sind nicht in zwei Lager gespalten, die sich hassen; sie stehen in einer gemeinsamen Abneigung gegenüber dem, was sie beide sehen — und das ist, wie eine Wählerin es formuliert hat, „im besten Interesse, die Demokraten schlecht dastehen zu lassen".
Wo die Kartographie der Wahlbezirke neu gezeichnet wird, verschieben sich die Kräfteverhältnisse zusätzlich: Fünf bis sieben Sitze, die den Demokraten in Bundesstaaten wie New York zufallen könnten, wenn die Umverteilung hält. Die Demokraten brauchen im Repräsentantenhaus nur vier Sitze für die Mehrheit.
Dass am Ende beide verlieren könnten, ist eine Möglichkeit, die in keinem der Drehbücher steht. Die Frage ist nicht mehr, wer im November gewinnt, sondern welche Unzufriedenheit sich als die produktivere erweist — die, die zur Wahlurne treibt, oder die, die zu Hause bleibt. Trump hat es selbst formuliert: „Die Frage ist, ob sie wählen gehen." Er weiß, dass die Antwort davon abhängt, ob die Wut wärmer brennt als die Enttäuschung. Bisher sieht es so aus, als würde sie es nicht.
❖ Ende des Artikels ❖
