Wir treffen uns in Magdeburg — doch wer ist dieses Wir?
Sie haben sich ein schönes Wort ausgesucht. „Wir treffen uns." Zwei Pronomen, ein Verb, eine schlichte Geste. Wer könnte da widersprechen? Wer wollte nicht Teil jenes beleuchteten Wir sein, das im Oktober in Magdeburg zusammenkommt — zum vierten Mal, in der Hyparschale, jenem lichtdurchfluteten Raum, dessen Symbolik nicht mehr schmerzt, sondern nur noch wiegt.
Vom 16. bis 18. Oktober — oder, nach anderer Lesart, vom 17. bis 18. Die uns vorliegenden Quellen widersprechen sich in dieser Kleinigkeit. Über Daten zerbrechen Bündnisse selten; sie verraten nur stets mehr, als ihre Urheber vermuten. Mehr als 350 Medienschaffende aus ganz Deutschland werden erwartet, in einer Region, „in der Lokaljournalismus unter besonderem Druck steht". Bewusst gewählt, sagen die Veranstalter. Bewusst. Man muss das nicht glauben. Man muss nur zuhören.
Das Versprechen ist alt und ehrenhaft: dass man sich begegnet, voneinander lernt, sich vernetzt, in schöner Architektur die Köpfe zusammensteckt und am Ende etwas Helles zurückbringt in die Redaktionen einer zersplitterten Landschaft. Die Hyparschale klingt nach Transparenz, nach jener Demokratie, die man sich wünscht, wenn das Licht von oben fällt. Es ist eine schöne Geste. Sie wird Geste bleiben, wenn am Dienstag die Scheinwerfer ausgehen und die Lokalredaktionen wieder ihre Wasserstandsberichte schreiben.
Doch die Frage, die keine Konferenz mit einem Programm beantworten kann, weil sie vor jeder Begegnung schon steht, ist jene nach dem Wir. Wer ist dieses Wir? Wer lädt es ein? Wer spricht für es, wenn die Türen sich öffnen? Sind es die 350, die anreisen? Oder ist es jenes größere, undefinierte Wir derer, die zu Hause bleiben — weil sie keine Reisekosten erstattet bekommen, keine drei Tage entbehren können, weil ihr Lokaljournalismus so lokal ist, dass er keine Hyparschale braucht, sondern eine Heizung im Verlag und einen Vertrag, der über den nächsten Monat hinausreicht?
Lokaljournalismus unter Druck ist kein Slogan, sondern Realität. Die Magdeburger kennen sie besser als die meisten. Sie haben ihre Lokalzeitungen verloren und über Jahre zurückgewonnen, in einem Prozess, der nichts mit Konferenzen zu tun hat und alles mit Durchhaltevermögen. Wer dort Lokaljournalismus macht, braucht im Oktober keine Vernetzung in einer lichtdurchfluteten Halle, sondern einen verlässlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der auch die kleinen Häuser bezahlt, und ein Publikum, das versteht, dass Information Geld kostet — und dass Geld nicht das Gegenteil von Würde ist, sondern deren Bedingung.
CORRECTIV ist ein gemeinnütziges Recherchezentrum. Das steht hier ohne Anführungszeichen, weil es eine Erklärung ist, keine Anklage: warum diese Konferenz stattfinden kann, warum Karten verkauft werden, warum eine Plattform sich legitimieren darf, den Diskurs über die Zukunft des Lokaljournalismus zu führen. Es ist ein notwendiges Geschäft. Beides schließt sich nicht aus. Aber wer die Mechanik verstehen will, muss sie beim Namen nennen — auch wenn sie offen auf dem Tisch liegt, zwischen Programmheften und Visitenkarten.
Wir treffen uns. Vier Wörter, ein Vollstreckungsbefehl der Inklusion in grammatischer Schlichtheit: Wer nicht kommt, ist draußen. Wer kommt, ist drin. Wer nicht eingeladen wird, hat nicht gefehlt. So einfach ist das. So einfach war es schon immer.
Die Redaktionen in Sachsen-Anhalt, in der Altmark, im Harz sagen unterdessen: Wir treffen uns täglich, zwischen Tür und Angel, zwischen Anzeigen und Mantelteilen, zwischen Insolvenzantrag und Presseförderung. Das ist ein anderes Treffen. Es hat keine Hyparschale. Es hat kein Licht von oben. Es hat dennoch seine Würde.
Was bleibt, ist die nüchternste aller Fragen, die wir dieser Konferenz stellen müssen, bevor sie stattfindet — und die niemand beantworten wird, weil sie unbequem ist: Wen treffen wir dort eigentlich? Und für wen? Wenn sie gestellt ist, dann, ja, dann lohnt sich vielleicht die Reise. Wenn nicht, dann war das Treffen ein Treffen derer, die sich treffen können. Das war schon immer ein Treffen. Aber es war nie ein Wir.
❖ Ende des Artikels ❖
