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2. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Das letzte Visum: Wie Washington Boliviens obersten Ankläger zu Fall brachte

2. Oktober 2026 — — Kastner

Zwei Tage. In der Diplomatie sind zwei Tage ein Wimpernschlag, ein verschlucktes Wort zwischen zwei Sätzen, ein Händeschütteln, das noch nach Kaffee riecht. In der Politik zweier Hemisphären sind zwei Tage das Intervall, in dem aus einem Verdacht ein Haftbefehl wird — und aus einem Haftbefehl eine Landkarte neu gezeichnet wird.

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Am 28. September 2026 veröffentlichte das US-Außenministerium eine Mitteilung, die in ihrer Knappheit beinahe höflich wirkte. Das Bureau of International Narcotics and Law Enforcement Affairs, diese ehrwürdige Behörde, die das Narkotikageschäft der Welt wie ein Buchhalter führt, erklärte Roger Mariaca, den Generalstaatsanwalt Boliviens, zur unerwünschten Person. Die Formulierung, die folgte, trug den Stempel Washingtons: "significant corruption", "bribes from narco traffickers", "help them evade justice". Die Beschränkung galt nicht nur ihm, sondern auch seiner unmittelbaren Familie — ein Detail, das in der Sprache der Außenpolitik soviel bedeutet wie: Wir wissen, wo die Kinder zur Schule gehen.

Mariaca war nicht irgendwer. 2024 für sechs Jahre ernannt unter Boliviens vorheriger sozialistischer Regierung, stand er an der Spitze jener Institution, die in Lateinamerika zwischen Zivilcourage und politischer Waffe pendelt: die Fiscalía General del Estado. Sein Name stand ganz oben auf der Liste.

Am 30. September, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Visumsbeschränkung, wurde Mariaca festgenommen. Nicht in seinem Büro in Sucre, nicht in einem Gerichtssaal, sondern am Viru Viru International Airport in Santa Cruz, Boliviens östlichem Tor, gemeinsam mit dreizehn weiteren Personen und Alberto Zeballos, dem Regionalstaatsanwalt der Region. Innenminister Marco Antonio Oviedo sprach am Folgetag von einer "kriminellen Organisation", die in der Justiz und der Staatsanwaltschaft verankert gewesen sei. Man habe ein Netzwerk zerschlagen, das "den Drogenhandel geschützt und ermöglicht" habe.

Was den Fall von anderen unterscheidet, ist nicht der Vorwurf — Korruptionsvorwürfe gegen Generalstaatsanwälte sind so alt wie das Amt selbst. Was ihn unterscheidet, ist das Material, auf das sich die bolivianische Regierung stützt: Video- und Audioaufnahmen, die dem uruguayischen Drogenhändler Sebastian Marset zugeschrieben werden. In diesen Aufnahmen soll Marset Mariaca als "Freund" bezeichnet und behauptet haben, er habe 500.000 Dollar gezahlt, um in Bolivien bleiben und seine Geschäfte fortführen zu können. Marset war im März in Bolivien festgenommen und später in die Vereinigten Staaten überstellt worden, wo er sich derzeit vor Gericht verantwortet.

Auf der anderen Seite steht das, was Mariacas eigenes Haus von sich gab. Noch während der Festnahme übertrug ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft live in den sozialen Medien und bezeichnete das Geschehen als "Entführung". Die Behörde, der Mariaca vorsteht, erklärte die Inhaftierung für illegal. Ein Mann, der wegen Bestechlichkeit angeklagt wird, klagt seinerseits zurück — auf die einzige Waffe, die ihm bleibt: die Form.

Mariaca selbst wies die Vorwürfe zurück und nannte die US-Entscheidung "politische Einmischung" im Zusammenhang mit Ermittlungen, die er selbst geleitet hatte. Welche Ermittlungen das waren, sagte er nicht. So bleibt das Wort des Beschuldigten neben dem Material seiner Ankläger stehen, und der Leser wird aufgefordert, die Lücken mit seinem Misstrauen zu füllen.

Dass Washington in derselben Woche nicht nur Mariaca ins Visier nahm, sondern rund zwanzig weitere Personen aus Bolivien, Kolumbien und Ecuador auf eine schwarze Liste setzte — zwölf davon Bolivianer —, fügt dem Bild eine Kontur hinzu, die über einen Einzelfall hinausweist. Bereits am 10. September hatte Außenminister Marco Rubio die linke Regierungsführung mehrerer südamerikanischer Staaten kritisiert und von einer "unheiligen Allianz" zwischen linken Regierungen und Drogenkartellen gesprochen. Die jetzigen Sanktionen folgen jenen Worten mit der Präzision eines Protokolls.

In La Paz sitzt unterdessen Rodrigo Paz, seit November 2025 im Präsidentenamt, ein Mann, der sein Mandat mit dem Versprechen gewann, die Beziehungen zu Washington zu reparieren. Der Kongress hat im September ein 1,9-Milliarden-Dollar-Programm des Internationalen Währungsfonds gebilligt. Die Handschellen, die seinem obersten Ankläger angelegt wurden, fallen in eine Phase, in der Bolivien auf das Wohlwollen der Vereinigten Staaten angewiesen ist. Ob die Festnahme Mariacas das Ergebnis einer internen Strafverfolgung ist oder den Auftakt zu etwas Größerem markiert, werden erst die Akten zeigen. Bis dahin bleibt der Fall ein Diagramm, in dem sich zwei Linien kreuzen: die Karriere eines Mannes und die Geografie einer Drohung.

Zwei Tage. Mehr brauchte es nicht.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 4 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Roger Mariaca ist der Generaldirektor/Staatsanwalt von Bolivien

    die vorgeschlagene Belegstelle steht so NICHT im Quelltext und wurde deshalb verworfen; das ist eine Aussage ueber den Vorschlag, nicht ueber die Quellenlage

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „The most prominent name on that list is Bolivia's Attorney General, Roger Mariaca.“

  2. ZAHL US hat die Visa für Roger Mariaca gesperrt

    „the United States revoked his visa“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZITAT Die Anschuldigung betrifft Korruption und Drogengeschäfte

    „The United States targeted Mariaca for "significant corruption" and the State Department's Bureau of International Narcotics and Law Enforcement Affairs alleged that Mariaca was taking bribes from narco traffickers and helping them evade justice.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  4. ZITAT Bolivia hat ihn festgenommen/festgehalten

    „Mariaca was arrested along with 13 other people on Wednesday as part of an operation targeting what authorities described as a “criminal organization” embedded within the judiciary and the Public Prosecutor’s Office,“ — wörtlich im Quelltext belegt

  5. DATUM Die Festnahme erfolgte zwei Tage nach der US-Visa-Sperrung

    „Bolivia's Attorney General Roger Mariaca has been arrested two days after the United States revoked his visa“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

  • 3 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 4 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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