Das Ballett, die Stadt und der schmale Grat der Termine
München im September 2026. Eine Stadt, die zwei Spektakel gleichzeitig tragen muss: das Oktoberfest, das wie ein betrunkener Riese seine Arme über die Theatinerstraße und den Marienplatz ausbreitet, und ein Länderspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft in der ausverkauften Arena am Schluss. Sechsundsechzigtausend Menschen, die in dieser Woche nach München kommen, tun es nicht nur wegen Bier und Brezn, sondern auch wegen des Spiels gegen Serbien. Die einen kommen für die Wiesn, die anderen für die Mannschaft — und die Stadt muss, ganz nüchtern betrachtet, beides gleichzeitig absichern.
Die Stadt, wohlgemerkt. Nicht der Verband.
Wer die Berichte der letzten Tage liest, stößt auf einen Satz, der in seiner Beiläufigkeit alles enthält, was diese Konstellation ausmacht. Eine Sprecherin der Stadt München, befragt von der «Abendzeitung», sagt: «Wir haben angemerkt, dass wir eine Verschiebung für sinnvoll gehalten hätten. Das wäre eine Erleichterung gewesen, weil die Wiesn so viele Ressourcen bindet.» Man habe angemerkt, heißt das. Man habe gebeten. Man habe, mit anderen Worten, einen Vorschlag gemacht, der in den Schubladen einer Behörde verschwand, die mehr mit sich selbst beschäftigt war als mit der Stadt, in der sie spielt.
Der Deutsche Fußball-Bund, heißt es in denselben Berichten, habe den Spielort Monate vor der eigentlichen Partie festgelegt. Eine Terminierung, die den Verwaltungsapparat der bayerischen Landeshauptstadt vor vollendete Tatsachen stellte. München durfte, sehr höflich formuliert, mitplanen — durfte aber nicht mitentscheiden. Die Verschiebung des Spiels in eine andere Woche, die die städtische Sprecherin als sinnvoll erachtet hätte, blieb aus. Man habe angemerkt. Punkt.
Hier beginnt der Spalt, über den ich heute schreibe.
Denn was in München stattfand, war mehr als eine terminliche Ungeschicklichkeit. Es war ein Lehrstück in jener Architektur der Macht, die im deutschen Fußball seit Jahrzehnten gepflegt wird: Der Verband legt fest, wann gespielt wird, wo gespielt wird, und überlässt der Kommune das Organisieren der Konsequenzen. München musste Polizei, Rettungsdienste und Verkehrsbehörde durch eine Woche steuern, die für sich genommen schon olympiareif gewesen wäre. Die Sprecherin spricht von einer «Erleichterung». Sie sagt es nicht vorwurfsvoll, sie sagt es als Feststellung. Und genau darin liegt die Pointe.
In dieses organisatorische Vakuum hinein trat also Jürgen Klopp. Mit großer Geste, mit großer Stimme, mit dem Pathos eines Mannes, der ein Land von seiner Vision überzeugen will. Er forderte Geduld. Er sprach vom Ballett. «Wenn man ein Ballett zusammenstellt, nicht dass wir ein Ballett wären, aber wenn man eins zusammenstellt und nach vier Tagen sollen die auftreten, rennen die sich über den Haufen. Das haben wir nicht getan, um das mal klarzustellen.» Worte, die wie ein Schutzschild gemeint waren — und die, wie ich aus Erfahrung weiß, von genau jenen Medien gerne aufgegriffen werden, die sich fürchten, einen Coach zu früh zu kritisieren.
Dann, nach dem 1:1 gegen die Niederlande, nach dem 0:1 gegen Griechenland, sagte Klopp etwas, das die Sache ehrlicher macht: «Die Ergebnisse stören, aber das ist nur ein Moment, dann ist das wieder weg.» Halten wir das fest. Der Mann, der das Ballett entworfen hat, gibt zu, dass die Ergebnisse stören. Drei Spiele, kein Sieg, ein Bundestrainer, der die Republik in seinen Bann ziehen wollte und stattdessen einen Negativrekord riskierte. Die Aura war beschädigt, bevor das vierte Spiel überhaupt angepfiffen wurde.
Was dann geschah, ist bekannt. Deutschland gewann 2:0 gegen Serbien. Sechsundsechzigtausend im Stadion, endlich Applaus für die richtige Seite. Florian Wirtz, der Mann aus Leverkusen, der nun in Liverpool seine Künste zeigt, demonstrierte zweimal jene Weltklasse, die man ihm seit Monaten nachsagt — eine Einzelaktion, die in einem Pfostenschuss gipfelte, später ein zweiter Treffer, bei dem er bei der Ballannahme seine Technik unter Beweis stellte und unten rechts einschob. Aleksandar Pavlović zeigte im Mittelfeld jene Autorität, die man von einem Spieler erwartet, der für die großen Spiele gemacht ist. Tom Bischof, in seinem Heimstadion, brachte das erste Tor unter die Latte. Nick Woltemade vergab die große Chance auf das 2:0. Das Spiel war kein Ballett in der von Klopp beschworenen Ästhetik, aber es war dominant, es war solide, es war — endlich — ein Ergebnis.
Ich sage endlich, und ich sage es mit jener Ironie, die mir nach all den Jahren in Genf und anderswo geblieben ist. Endlich, weil das Ergebnis den Diskurs verschiebt. Endlich, weil der DFB sich nun bestätigt fühlen darf in seiner Entscheidung, das Spiel in dieser Woche stattfinden zu lassen. Endlich, weil die Stadt München, die angemerkt hatte, dass eine Verschiebung sinnvoll gewesen wäre, am Ende die Suppe auslöffeln durfte, die der Verband ihr eingebrockt hatte. Die Reibung zwischen den Institutionen? Sie blieb unsichtbar. Sie blieb, wo solche Reibung immer bleibt: hinter dem Vorhang.
Das ist der Mechanismus, den ich benenne, ohne zu schreien. Eine Stadt, die bittet. Ein Verband, der bereits entschieden hat. Ein Trainer, der um Geduld wirbt, während die Ergebnisse stören. Spieler, die liefern. Eine Punktrichterin namens Realität, die am Ende doch den Takt vorgibt.
Klopp hat in seiner Karriere viele Dinge gesagt, die später schief klangen. Er hat «Geduld» gesagt, «Ballett» gesagt, «nach vier Tagen» gesagt. Er hat, das muss man ihm zugutehalten, ehrlich eingestanden, dass die Ergebnisse stören. Das ist mehr, als manche seiner Vorgänger in vergleichbaren Lagen taten. Aber die Diskrepanz zwischen der Erzählung, die er entwirft, und der Logistik, in der er arbeitet, ist nicht aufgelöst. Sie ist nur für neunzig Minuten übertüncht worden.
Wer in München das Spiel sah, sah eine Mannschaft, die gewann. Wer in München die Woche davor erlebte, sah eine Verwaltung, die jonglierte. Beides ist wahr. Beides erzählt dieselbe Geschichte, nur von verschiedenen Seiten der Bühne. Der DFB bestimmte die Aufführung, die Stadt lieferte die Kulisse, Klopp choreographierte das, was er Ballett nennt, und die Spieler spielten — manchmal Weltklasse, manchmal nur solide, immer unter dem Druck einer Erwartung, die größer war als das Spiel selbst.
1937, sagte mir einmal ein älterer Diplomat, ist das Jahr, in dem die Welt die höfischen Manieren ablegte und sich daran erinnerte, dass Macht kein Dekor ist. Sie ist Arrangement. Sie ist das, was bleibt, wenn der Vorhang fällt. In München, in dieser Woche, fiel der Vorhang über ein 2:0. Was bleibt, ist ein Satz einer Sprecherin, den niemand hörte — und die Erkenntnis, dass der Verband plant, die Stadt liefert, und die Spieler tanzen, wann es ihnen gesagt wird.
❖ Ende des Artikels ❖
