Die Architektur der Verschuldung
Man schaue auf die Bühne, dort steht ein junger Mann mit Mikrofon, er verspricht, er werde die Schulden tilgen, er werde den Zins abschaffen, er werde dem Volk das Wissen zurückgeben. Die Menge applaudiert. Was sie nicht sieht: Hinter dem Vorhang sitzen andere, die längst rechnen. Sie rechnen mit den Schuldnern, nicht für sie. Das ist die alte Mechanik, und sie funktioniert in jeder Dekade, in jeder Währung, unter jeder Flagge. Nun hat sie die Gestalt einer Bildungsreform angenommen.
Im September 2026 bestätigte Snopes, was Beobachter längst vermutet hatten: Die Regierung unter Präsident Donald Trump hat offiziell angekündigt, die Vergabe von Bundesstudienkrediten für Studiengänge mit niedrigen Verdienstaussichten einzuschränken. Studienrichtungen in den Bereichen mentale und soziale Gesundheit sowie Lehrerausbildung, so heißt es in den Berichten, würden voraussichtlich zu den betroffenen Fächern gehören. Es ist, als wolle jemand das Thermometer dafür, welche Berufe der Republik noch etwas wert sind, in die eigenen Hände nehmen. Wer legt fest, welche Arbeit würdig ist, kreditfinanziert zu werden? Wer legt fest, welche Seele der Staat für bildungswürdig hält?
Die Zahl, die man sich merken sollte, stammt nicht aus einer Pressekonferenz, sondern aus einer NerdWallet-Analyse von Mai 2021: 45 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner tragen Studienschulden. Das ist einer von acht. Eine Business-Insider-Geschichte über eine Millennial namens Tryon mit 250.000 Dollar Verbindlichkeiten beschrieb den Mechanismus so, wie er ist: ein Zinseszinskreislauf, der niemals ruht, eine Schuld, die sich selbst gebiert. Insgesamt, so CNBC im Juni 2020, sind es 1,6 Billionen Dollar. Eine Billion, sechs Mal tausend Millionen. Man schreibe diese Zahl auf ein Blatt Papier und betrachte die Länge der Ziffern, dann versteht man das Gewicht.
Die Heritage Foundation, ideologisches Fundament der zweiten Amtszeit, hat in ihrem Projekt 2025 etwas gefordert, das man nur höflich „Privatisierung" nennt: sämtliche Bundesstudienkredite, ob subventioniert, ob unsubventioniert, ob PLUS, sollen in private Hände übergehen. Salon schrieb darüber im Februar 2025. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass der Mechanismus, der einst öffentlich war und damit wenigstens theoretisch korrigierbar, nun in jene Sphären wandert, in denen Korrekturen nur als Störung gelten. Es ist der alte Trick, den ich aus Genf kenne: Man verlegt die Verantwortung dorthin, wo sie niemand mehr sehen kann.
Snopes hat in den vergangenen Monaten eine Sammlung von Gerüchten zusammengetragen, zehn an der Zahl, und es lohnt sich, sie wie ein Menu zu lesen. Da war die Behauptung, die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE biete neuen Rekruten eine Tilgung der Studienkredite an, was sich im Juli 2025 als teilweise wahr erwies, denn ICE bietet tatsächlich Rückzahlungsoptionen für berechtigte Mitarbeiter an, sowohl zur Rekrutierung als auch zur Bindung. Da war die Geschichte über angeblich „schariakonforme" Studienkredite im Vereinigten Königreich, die im September 2025 als Mischung aus Fakt und Fiktion eingeordnet wurde, denn das islamische Recht betrachtet Zinsen als Sünde, und die Realität ist komplizierter als die Schlagzeile. Da war der Footballprofi Josh Allen, dem nachgesagt wurde, er habe die Schulden des gesamten Studienjahrgangs 2018 der University of Wyoming beglichen, was im Juli 2025 als unbelegt verworfen wurde. Da war Dale Schroeder aus Iowa, ein Mann ohne lebende Nachkommen, der zu Lebzeiten Dutzenden Menschen das Studium finanzierte, posthum wurde ihm zu Ehren ein Stipendium eingerichtet. Das ist die eine, die wahre Geschichte.
Dann die politischen Rechnungen. Tim Walz' Tochter habe 82.000 Dollar an Schuldenerlass erhalten, hieß es im August 2024, gemeinsam mit der Behauptung, der Vizepräsidentschaftskandidat und seine Frau seien 182 Millionen Dollar schwer. Snopes widerlegte beides. Alexandria Ocasio-Cortez habe 142.000 Dollar erhalten, behauptete ein Beitrag im Juni 2024, der gleichzeitig unterstellte, sie habe gesagt, sie habe den Schuldenerlass verdient. Auch das erwies sich als haltlos. Nancy Pelosi habe gesagt, der Präsident habe nicht die Macht zum Schuldenerlass, und dies müsse ein Akt des Kongresses sein, so lautete ein Zitat, das im August 2022 kursierte. Man prüfe solche Zitate immer genau, denn sie entscheiden über Gesetze, bevor sie geschrieben werden. Und dann Taylor Swifts jüngere Schwester, der 63.000 Dollar Erlass nachgesagt wurden, mit einem Foto, das Swift neben Brittany Mahomes zeigte, was freilich nichts bewies. Im Juli 2024 wurde auch diese Behauptung zerpflückt.
Es gibt eine weitere Kuriosität, die in das Bild gehört: Seit 2024 fragt der FAFSA-Antrag, die zentrale Studienfinanzierungsformulare der Vereinigten Staaten, Bewerber nach dem „Typ" ihrer Weißzugehörigkeit, was zunächst nach Bürokratie klingt, aber auf eine langjährige Forderung von Datenanalytikern und Hochschulforschern nach detaillierteren Rasseninformationen zurückgeht. Hinter der harmlosen Frage steht ein Streit um Statistik und Sichtbarkeit, um jene kleinen Buchstaben, die in großen Berichten verschwinden.
Wenn ich diese Fäden zusammenziehe, ergibt sich kein Gewebe, das schön wäre. Es ergibt das Gewebe, das es immer ergibt: eine Regierung, die bestimmt, welche Bildung kreditwürdig ist; ein Kapitalmarkt, der bereitsteht, die öffentlichen Programme einzusammeln; eine Öffentlichkeit, die mehr über Taylors Schwester diskutiert als über 1,6 Billionen Dollar; und eine Faktenprüfung, die Stück für Stück die Mythen abträgt, bis das Gerippe der Wirklichkeit sichtbar wird. Man nehme die Handschuhe nicht ab, wenn man dieses Gerippe anfasst. Es ist kalt. Es war immer kalt.
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