Der Fall Vandalur: Schlangenbiss, Schweigen und zwei Versionen einer Tat
Chennai, Ende September. In Chengalpattu, unweit der alten Tempelstadt, erzählt man sich in diesen Tagen zwei Geschichten über ein und dieselbe Tat — und beide widersprechen sich so gründlich, dass am Ende nur noch die Form des Widerspruchs selbst als Beweis gelten kann.
Am Donnerstag, so legte es der Oppositionsführer Udhayanidhi Stalin über die Plattform X dar, sei ein Mädchen auf dem Gelände einer staatlichen Schule bei Vandalur am hellichten Tag von mehreren Unbekannten entführt und sexuell missbraucht worden. Die Polizei habe den Fall zu unterdrücken versucht und ihn umgelenkt auf die Diagnose eines Schlangenbisses, weil der Chief Minister C. Joseph Vijay just an jenem Tag in Madurantakam für den Wahlkampf einer Nachwahl erwartet wurde. Man habe den Eltern die Mobiltelefone abgenommen und sie "bedroht", schweigen zu sollen. Wo, fragte Stalin mit der ihm eigenen Schärfe, bleibe die Singapenn Special Force? Wo der Chief Minister, der sich einst zum älteren Bruder der Frauen dieses Staates ernannt habe? Es sei eine Schande, dass Schülerinnen nicht einmal innerhalb des Schulgeländes sicher seien unter dieser "Zirkusregierung", die keine Kompromisse bei der Sicherheit von Frauen kenne.
Dann, am späten Abend desselben Tages, eine andere Stimme. Die Polizei von Tambaram teilte mit, man habe eine FIR registriert und die Untersuchung unter Leitung einer Polizeibeamtin sowie unter Aufsicht erfahrener weiblicher Vorgesetzter eingeleitet. Man habe das Überwachungsmaterial der Schule und ihrer Umgebung gesichtet, das Mädchen medizinisch untersucht, Zeugenaussagen aufgenommen, wissenschaftliche und sonstige bestätigende Beweise geprüft. Das vorläufige Ergebnis, wörtlich: "Bisher hat sich kein Material ergeben, das belegt, dass der behauptete Vorfall in der staatlichen Schule stattgefunden hat, wie berichtet." Die Untersuchung dauere an. Man bitte die Öffentlichkeit, im Interesse des Kindes keine unverifizierten Informationen zu verbreiten.
So stehen sie nun, Anklage und Dementi, Stirn an Stirn, beide mit Handschlag. Die eine Lesart lautet: Es geschah ein Übergriff, der zugedeckt werden soll. Die Gegenerzählung lautet: Es geschah kein Übergriff, wie er beschrieben wird. Beide Erzählungen beanspruchen das gleiche Mädchen für sich, beide berufen sich auf Ermittlungen, deren Inhalt sie nicht offenlegen, und beide haben ein Interesse daran, dass die Nachwahl in ihrem Licht erscheint.
Auch Edappadi K. Palaniswami, Generalsekretär des AIADMK, griff den Chief Minister scharf an. Er kritisierte ihn für die Art, wie er die Polizei führe, und prangerte an, die Polizei habe Medienhäuser angewiesen, Berichte über den Vorfall zu löschen. Die Polizei hätte die Umstände aufklären müssen, die eine staatliche Schule unsicher werden ließen, so Palaniswami.
Am gleichen Tag, an einem anderen Ort, indessen eine dritte Geschichte — diesmal ohne Widerspruch, allein mit der Klarheit der Anzeige. In Payyanur im nördlichen Kerala wurde der 44-jährige Besitzer einer Wellness-Klinik und eines Fitnesszentrums, Sharath Nambiar, erneut festgenommen, weil er versucht haben soll, eine 34-jährige Frau aus Kasaragod sexuell zu missbrauchen, die wegen physiotherapeutischer Behandlung in seine Einrichtung gekommen war. Die Frau hatte die Klinik im Oktober und November 2024 aufgesucht; der mutmaßliche Übergriff soll bei einem erneuten Besuch im März 2025 stattgefunden haben. Sie habe ihn erst während einer therapeutischen Beratung offengelegt, hieß es. Das First Class Judicial Magistrate Court in Taliparamba wies Nambiar in Untersuchungshaft ein. Bereits im Juli 2024 war er nach einer ähnlichen Anzeige einer damals 20-Jährigen aus Payyanur festgenommen worden.
Die Geschichten, die man erzählt, und die Geschichten, die man verschweigt — sie liegen in diesen Tagen dichter beieinander, als die Geographie vermuten ließe. Die Polizei sagt: kein Beweis. Die Opposition sagt: Das Fehlen des Beweises sei selbst der Beweis. Dazwischen steht ein Mädchen, dessen Namen wir nicht kennen, und dessen Geschichte zwei Erzähler für sich beanspruchen. Stalin kündigte an, die Bevölkerung werde "den Herrschenden eine Lektion erteilen", sollte der Fall zugunsten der Nachwahl vertuscht werden. Die Polizei ihrerseits hat noch keine Lektion erhalten — nur eine Frist, deren Ablauf jeder Deutung offen steht. Man darf gespannt sein, wer zuerst das letzte Wort erhält und wer zuletzt die Handschuhe auszieht.
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