Der Präsident und die schweigenden Akten
Es gibt Tage, an denen die Geschichte die Tür aufstößt und den Salon betritt, als sei sie ein alter Bekannter, den man längst vergessen glaubte. August Hanning, 80 Jahre alt, früherer Präsident des Bundesnachrichtendienstes und ehemaliger Innenstaatssekretär, wurde am Dienstag festgenommen. Der Vorwurf wiegt schwer: Verdacht auf landesverräterische Ausspähung, versuchten Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit. Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt.
Zusammen mit Hanning nahmen Beamte des Hamburger Landeskriminalamts seinen ehemaligen Büroleiter Manfred D. fest. Auch er sitzt in Untersuchungshaft. Beihilfe wird ihm vorgeworfen. Die Polizei durchsuchte Wohn- und Geschäftsräume beider Männer, ebenso Räumlichkeiten in Berlin. Die Maschinerie der Justiz läuft, präzise und öffentlich, wie es das Gesetz verlangt.
Was bleibt, ist die nüchterne Frage: Wie kann ein ehemaliger Präsident noch Jahre nach seinem Ausscheiden an geheime Informationen aus dem BND gelangen? Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung soll Hanning über seinen früheren Büroleiter weiterhin mit Dokumenten aus der Behörde versorgt worden sein. Welche Dokumente, welche Kategorie von Geheimnis, welche Empfänger im Ausland – all das ist bislang unklar. Die Zeitung formuliert zurückhaltend. Die Behörden schweigen. Das Schweigen, so heißt es in solchen Momenten immer, diene dem Schutz laufender Ermittlungen.
Die Parallelen zu früheren Fällen liegen auf der Hand, auch wenn die Generalbundesanwaltschaft vor voreiligen Vergleichen warnt. Man erinnert sich an andere Namen, an andere Buchstaben, an andere Mitarbeiter, die über Jahre hinweg Informationen weitergegeben haben sollen. An wen, blieb oft im Dunkel. Es ist immer dasselbe Muster: ein Mann mit Zugang, ein Empfänger im Ausland, ein Preis, der nie genannt wird, und am Ende ein Haftbefehl, der die alte Frage neu stellt. Wer kontrolliert den Kontrolleur? Wer überwacht den Mann, der die Überwacher überwacht hat?
Hanning war kein Unbekannter. Er führte den BND in einer Zeit, in der der Dienst sich neu erfinden musste – nach den Skandalen um die Kooperation mit der NSA, nach den Enthüllungen über Operation Rubikon, nach den immer wiederkehrenden Berichten über mangelnde Aufsicht. Sein Name stand für Kontinuität, für Diskretion, für jene Art von Loyalität, die man in den Fluren der Pullacher Zentrale als höchste Tugend pries. Dass ausgerechnet ein solcher Mann nun selbst unter dem Verdacht steht, Geheimnisse verraten zu haben, ist mehr als eine persönliche Tragödie. Es ist ein Riss im Selbstverständnis eines Apparates, der sich selbst gern als unverzichtbar und undurchdringlich beschreibt.
Die Festnahme wirft Fragen auf, die über den Einzelfall hinausgehen. Wer hatte Zugang zu welchen Akten? Welche Kontrollmechanismen haben versagt? Warum wurde ein ehemaliger Büroleiter offenbar nicht rechtzeitig aus dem System entfernt? Die Antworten, wenn sie kommen, werden in der Sprache der Behörden formuliert sein: vage, technisch, unangreifbar. Das ist das Vokabular der Institution, die sich selbst schützt, auch wenn sie vorgibt, die Republik zu schützen.
Hanning selbst hat in der Vergangenheit jede Verwicklung in rechtswidrige Handlungen bestritten. Bereits im September 2025 war er Ziel einer Durchsuchung wegen des Verdachts der Beteiligung an einer gescheiterten Kindesentführung über eine mit ihm verbundene private Sicherheitsfirma. Er wies die Vorwürfe zurück. Damals wie heute gilt die Unschuldsvermutung. Doch die Bilder, die jetzt im Umlauf sind – ein älterer Herr, abgeführt von Beamten, das Blitzlicht der Kameras –, diese Bilder bleiben. Sie brennen sich ein, in das Gedächtnis einer Nation, die sich ohnehin nie sicher war, wem ihre Geheimnisse gehören.
Die Handschuhe, die ich beim Schreiben trage, sind eine Marotte, die niemanden interessieren muss. Aber sie erinnern mich an etwas, das ich in Genf gelernt habe, an Tischen, an denen Männer in dunklen Anzügen Verträge unterschrieben, die sie nicht halten würden: Vertrauen ist die billigste Währung der Macht. August Hanning hat sie ausgegeben. Nun zahlt er die Rechnung. Die Frage ist nur, welche Namen noch auf dieser Quittung stehen – und welche Türen in Zukunft offen bleiben werden, weil jemand vergessen hat, sie zu schließen.
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