Vom Schulhof auf die Barrikade
In Lille reißen Schüler eine Ampel neben dem Baggio-Gymnasium nieder. Es ist eine jener Gesten, die in keinem Lehrbuch stehen, die kein Ministerium bestellt hat und die doch zu den präzisesten Vokabeln gehören, die eine Republik je gelernt hat. In mehr als 400 Lycées protestieren mittlerweile Gymnasiasten gegen die Lernbedingungen, gegen marode Schulgebäude, überfüllte Klassen und zu wenig Lehrkräfte. Die Bewegung erfasst das ganze Land. Sie braucht keine Hauptstadt, keine Parteizentrale, keinen Sender, der sie ordnet. Sie braucht nur ein Tor, das offen steht, und einen Grund, hindurchzugehen.
Aber natürlich ist nichts so frei, wie es sich gibt, wenn die Kameras laufen. Denn während vor den Lycées die Marseillaise erklingt, nicht aus Patriotismus, sondern aus Trotz, „Aux armes, citoyens", als hätten die Siebzehnjährigen das republikanische Erbe mit Haut und Haar verschlungen, da steht bereits eine Formation bereit, die jede Bewegung in Besitz nimmt, sobald sie nur lang genug brennt: die radikal linke Partei La France insoumise. Die Regierung beruft sich auf Geheimdiensterkenntnisse, die belegen sollen, dass LFI die Proteste lenkt. LFI weist das zurück. Vereinnahmung bleibt die Währung, in der Politik bezahlt, wenn Straßen bezahlt werden.
An dieser Stelle beginnt die eigentliche Rechnung. Und hier klaffen die Zahlen.
Die Welt meldet 1949 Festgenommene, 305 verletzte Polizisten und Gendarmen, 170 verletzte Schüler und 65 verletzte Beschäftigte im Bildungswesen. Das Innenministerium spricht von „ungezügelter Gewalt", von Feuerwerkskörpern auf Einsatzkräfte, von angezündeten öffentlichen Gebäuden und geplünderten Geschäften. Premierminister Sébastien Lecornu beruft eine Krisensitzung ein, Minister sollen geplante Reisen absagen. Bildungsminister Édouard Geffray ruft im Sender France 2 zur Ruhe auf und kündigt Gespräche mit Vertretern der Gymnasiasten an. „Der einzige Weg ist der Dialog." Wann hat ein Bildungsminister je so geklungen, als wisse er, dass er zu spät kommt?
Doch Euronews zählt zur gleichen Zeit 625 Festnahmen und 119 Verletzte. Eine andere Quelle berichtet von 440 festgenommenen Schülern allein an einem Tag, von einem brutal angegriffenen Chemielehrer, der in den Rücken getreten wird, von Plünderern, die ihn über den Schulhof der César-Baggio-Gesamtschule in Lille jagen. An welcher Zahl misst sich das Maß? An 1949, an 625, an 440 pro Tag? Summieren sich diese Werte, oder widersprechen sie sich? Die offizielle Berichterstattung gießt alles in eine Sprache der Eskalation, die spontanen Meldungen sprechen von einer Welle, die ihren ersten Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Was fehlt, ist eine ehrliche Addition. Was bleibt, ist das Vokabular der Angst.
Gleichzeitig schreibt die Süddeutsche Zeitung von einer Bewegung, deren Anliegen berechtigt seien, und vermeidet doch fast vollständig das Wort Gewalt. Der Spiegel zeigt das Bild brennender Barrikaden in Lille, schweigt aber im zugänglichen Textkorpus zur Zahl der Verletzten. So entstehen zwei Erzählungen, die offenbar nicht dieselbe Straße sehen: hier die politische Deutung, dort die polizeiliche Bilanz. Beide Narrative stimmen darin überein, dass etwas in Frankreich bricht. Sie stimmen nicht darin, was.
Innenminister Laurent Nuñez erklärt, die Lage habe „nichts mehr mit dem legitimen Ausdruck von Schülerforderungen zu tun". Man erfülle „alle Eigenschaften von städtischer Unruhe". Die Formulierung ist sorgfältig gewählt, fast architektonisch. Sie verschiebt die Legitimität von den Forderungen zu den Akteuren. Nicht die Anliegen seien das Problem, sondern die Art, wie sie vorgetragen werden. Das ist ein alter Mechanismus, und er funktioniert, weil jede Generation ihn neu erfinden muss, um zu glauben, sie habe ihn durchschaut.
In Marseille wird ein Feuerwehrauto in Brand gesetzt. Öffentliche Verkehrsmittel werden eingeschränkt. Schulgebäude werden beschädigt. Daneben stehen Bilder von Schülern, die friedlich demonstrieren. Diese Gleichzeitigkeit ist keine Erfindung der Kameras, sie ist die Realität jeder Bewegung, die groß genug wird, um den Namen Bewegung zu verdienen. Die Frage ist nicht, ob beides existiert. Die Frage ist, welches Bild die Politik wählt, wenn sie den Aufruhr ordnen will.
Die Probleme der Gesellschaft kristallisieren sich in den Schulprotesten, schreibt die Süddeutsche, und hat damit in einem Satz mehr erklärt als alle Innenminister zusammen. Marode Schulgebäude, überfüllte Klassen, zu wenig Lehrpersonal, ein Zulassungssystem, das seinen Namen nicht verdient. Das sind nicht die Beschwerden einer Generation, die zu viel Freizeit hat. Das ist die Rechnung einer Republik an sich selbst, fällig gestellt von denen, die am längsten mit ihr leben müssen.
Was bleibt, ist eine Kinderkolonne, die ihre eigene Hymne singt, eine Partei, die sich an die Spitze setzen will, eine Regierung, die die Sprache der Sicherheit spricht, und Zahlen, die nicht zusammenfinden wollen. Dazwischen, fast unsichtbar: die Schulhöfe, die nicht mehr still sind. In einer Zeit, in der Aufruhr produziert und in Echtzeit übertragen wird, bleibt das Schweigen der Klassenzimmer der lauteste Ton, den eine Demokratie haben kann.
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