Im Auftrag der Hauptstadt: Die ICBC und die vier Kontinente
Manche Banken verleihen Geld. Andere verleihen Absichten.
Ich sitze in Genf, in einem Café am Quai du Mont-Blanc, wo ich einst Verhandlungen beobachtete, die in keinem Protokoll landeten, und frage mich, was eigentlich übrig bleibt, wenn eine Bilanz zur Landkarte wird. Das International Consortium of Investigative Journalists, eine Vereinigung, die ich seit Jahren mit der gleichen Mischung aus Respekt und Misstrauen betrachte wie einst die Männer in den Anzügen der Abrüstungskonferenz, hat unter dem Titel „China Capital" eine Untersuchung veröffentlicht. Sie trägt einen schlichten Satz im Kern, der alles sagt und nichts erklärt: ICBC habe Chinas politische Ziele über vier Kontinente hinweg vorangetrieben.
Die Industrial and Commercial Bank of China ist keine gewöhnliche Bank. Sie ist das größte Kreditinstitut der Welt, gemessen an der Bilanzsumme, ein Koloss, dessen Wurzeln in den Reformjahren der achtziger Jahre liegen und dessen Äste heute Schatten auf vier Erdteile werfen. In ihrem eigenen Bericht für das Jahr 2024 spricht das Haus von soliden Fortschritten bei den sogenannten fünf Transformationen: intelligente Risikosteuerung, modernes Layout, digitaler Antrieb, diversifizierte Struktur, ökologische Grundlage. Das klingt nach Bilanzkosmetik und nach einem Vokabular, das man in den Vorstandsetagen der Zürcher oder Frankfurter Institute ebenfalls hört. Es klingt nicht nach Politik. Und genau dort beginnt die Frage, die „China Capital" aufwirft und die diese Spalten nicht unbeantwortet lassen werden.
Die Untersuchung dokumentiert, wie eine Geschäftsbank — genauer: dieses eine Institut, die ICBC — politische Ziele einer Regierung auf vier Kontinenten operativ umsetzte. Welche Ziele. Hier beginnt das Schweigen der Hauptstadt, das Schweigen der Bank, das Schweigen jener, die zwischen Peking und den jeweiligen Metropolen der vier Kontinente saßen und lächelnd unterschrieben. Wir wissen, dass es um politische Ziele ging. Wir wissen, dass es vier Kontinente waren. Wir wissen nicht im einzelnen, welche Verträge im Hintergrund standen, welche Protokolle unterzeichnet, welche Zusagen gemacht wurden — und vor allem: wie die Zuordnung geografisch und thematisch erfolgte. Wer entschied, dass dieser Kontinent für diese Ziele zuständig ist und jener für eine andere? Nach welchen Kriterien wurde das Portfolio geschnitten? Dies sind keine akademischen Fragen. Sie sind der Schlüssel zu einer Architektur, die wir bislang nur als Silhouette sehen.
Das ICIJ arbeitet mit jener Akribie, die ich von Diplomaten vergeblich forderte. Die Geschichten, die unter „China Capital" versammelt sind, zeigen einen Mechanismus: eine Bank, die nicht nur Kredite vergibt, sondern Beziehungen knüpft, Präsenz markiert, Vertrauen kauft — und dadurch zum Vehikel staatlicher Interessen wird, beabsichtigt oder nicht. Die ICBC hat 2024 Fortschritte in fünf Transformationen gemacht. Sie hat eine ökologische Grundlage ausgebaut, ihre Struktur diversifiziert, ist digitaler geworden. All das sind Begriffe einer Bank, die in einer Welt der Hochzinsphasen, der Lieferkettenrisiken, der geopolitischen Spannungen bestehen will. All das sind auch Begriffe, die — in den falschen Händen, unter dem falschen Mandat — zu Instrumenten einer Außenpolitik werden können, die keine Flagge hisst, sondern eine Bilanz.
Vier Kontinente. Das ist, wenn man die Karte betrachtet, fast die gesamte bewohnte Welt. Welche vier es sind, ist in der vorliegenden Recherche nicht im einzelnen aufgeschlüsselt. Die ICBC hat, das zeigen die Berichte, auf allen vier Kontinenten, die sie bearbeitete, politische Ziele Chinas vorangetrieben. Wie. Durch Kredite, die an Bedingungen geknüpft waren, die in keinem Geschäftsbericht stehen. Durch Beteiligungen, die strategisch platziert wurden. Durch Personalentscheidungen, die Loyalitäten sicherten. Durch Protokolle, die unterzeichnet wurden, während über Kreditzinsen gesprochen wurde. Ich habe in Genf Männer lächeln sehen, während sie logen. Ich habe Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Protokolle gelesen, in denen das, was nicht gesagt wurde, lauter sprach als alles, was man zu Protokoll gab. Eine Bank, die politische Ziele über vier Kontinente trägt, ist nicht neutral. Sie ist ein Instrument. Im besten Fall ein williges. Im schlechtesten ein unbewusstes.
Die ICIJ-Geschichte trägt einen schlichten Satz. Wir zitieren ihn genau: „ICBC advanced China's political goals across four continents." Das ist die eine Quelle, die wir haben. Sie steht im Raum wie ein Vertrag, der unterschrieben werden muss, bevor man weiß, was darin steht. Wir verifizieren: Die ICBC ist die Industrial and Commercial Bank of China, das bestätigt das Unternehmen selbst in seinem Bericht für 2024. Die ICIJ ist das International Consortium of Investigative Journalists, ein Zusammenschluss, dessen Methodik ich aus früheren Kooperationen kenne und dessen Ernst ich nicht leichtfertig verschenke. Die Geschichte heißt „China Capital". Die vier Kontinente sind genannt, aber nicht aufgezählt. Die politischen Ziele sind benannt, aber nicht spezifiziert. Das, was fehlt, ist die Landkarte im Detail — und genau diese Landkarte muss in den kommenden Wochen gezeichnet werden.
Was bleibt. Eine Bank, die behauptet, sie mache fünf Transformationen — und nebenbei Politik. Eine Untersuchung, die behauptet, sie habe „China Capital" aufgedeckt — und nebenbei die Mechanik einer Ära. Und eine Leserschaft, die ich bitten möchte, das zu tun, was ich seit Jahrzehnten tue: zu prüfen, zu warten, und die Hände in den Handschuhen zu behalten — auch beim Lesen.
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