Dreißig Prozent und ein Erdbeben
MONTREAL — Man muss die Zahl nicht überschätzen, um das Beben zu begreifen. Dreißig Prozent der Stimmen, nicht mehr, und doch reicht es, um ein Land zu spalten wie einst die Schweiz den Tell in zwei Hälften schnitt. Der Parti Québécois, zwölf Jahre in der Wüste der Opposition, kehrt zurück in die Regierung Québecs — als Minderheitsregierung, gewiss, aber als Minderheitsregierung mit einem Versprechen, das die Landkarte Nordamerikas neu zeichnen könnte: ein Referendum über die Unabhängigkeit, irgendwann nach Trumps Abgang, frühestens 2029, in einem „informierten und ruhigen", wie Paul Saint-Pierre Plamondon sagt.
Man beachte die Wortwahl. „Informed and calm debate" — das ist die Sprache eines Mannes, der den dritten Anlauf plant, nicht den ersten. Québec hat zweimal abgestimmt, 1980 deutlich verloren, 1995 mit jenem legendären knappen Resultat von 50,58 Prozent, bei dem eine einzige Wahlurne den Unterschied machte. Plamondon, 49, Anwalt, im Volk nur PSPP genannt, weiß das. Er weiß auch, daß er den Wahlkampf nicht gegen Mark Carney geführt hat, sondern gegen die Lebenshaltungskosten und gegen das langsame Sterben einer Sprache.
Es lohnt sich, diesen Umstand festzuhalten, denn er verrät mehr über den Zustand Kanadas als jede Umfrage zur nationalen Einheit. Die Separatisten gewinnen nicht, weil die Québeçoer plötzlich aus der Konföderation drängen. Sie gewinnen, weil die Mieten steigen, die Spitäler leeren, die Schulen überaltern, und weil die anglophone Flutwelle aus dem Westen und Süden die französische Sprache in den Großstädten an den Rand drückt. Dreißig Prozent wollen die Trennung. Eine deutlich größere Zahl will, daß ihnen jemand zuhört.
Premierminister Carney, früh gratulierend, sprach von einer „stärkeren Québec" als Kern einer „stärkeren Kanadas". Es sind die Worte eines Mannes, der gleichzeitig den Handelskrieg Washingtons führen und einen Kontinent zusammenhalten muß, der an seinen Nähten reißt. Denn parallel zu diesem Wahlsieg bereitet sich die ölreiche Provinz Alberta auf ein eigenes, wenn auch nicht bindendes Unabhängigkeitsreferendum vor — im Oktober, zwei Wochen nach Québec. Der Westen will weg von Ottawa, der Osten will weg von Ottawa, und Ottawa selbst sitzt in der Mitte wie ein Schiedsrichter, dessen Pfeife niemand mehr hört.
Der Triumph des PQ ist kein Votum gegen Carneys Haltung zu Trump, darin sind sich Beobachter einig. Carney ist in Québec beliebt, vielleicht beliebter als in jeder anderen Provinz. Sein Widerstand gegen die Annexionsdrohungen und Zölle des amerikanischen Präsidenten hat ihm etwas eingebracht, das man früher nationale Souveränität nannte. Was die Separatisten sammeln, ist die Frustration jener, die monatelang an der Tankstelle und im Supermarkt erleben, daß Patriotismus kein warmes Haus und keine funktionierende Notaufnahme ersetzt.
Daß die PQ trotz nur dreißig Prozent der Stimmen eine Regierung bilden kann, verdankt sie dem Mehrheitswahlrecht der Provinz — jenem first-past-the-post, das den föderalistischen Stimmenanteil auf mehrere Parteien zersplittert. Die Liberalen, die Conservatives, Québec solidaire, sie alle teilen sich die verbleibenden siebzig Prozent, und keiner reicht an den PQ heran. Es ist eine alte Mechanik des britischen Wahlrechts, die hier zu Gunsten jener arbeitet, die das System selbst abschaffen wollen.
Plamondon sprach in der Siegesnacht vom Montrealer Ausgangspunkt von der „couragiösen Schlacht" der Frankophonen in einer Welt, die zunehmend vom Englischen dominiert werde. Diese Schlacht „wird ihren Sinn finden", sagte er, „wenn die Frankophonen ihr eigenes Land erhalten". Man spürt die historische Last, die in solchen Sätzen liegt. René Lévesque, der Gründer des PQ, dessen Konterfei noch immer ein Wandgemälde in Montréal ziert, hätte es nicht anders formuliert.
Was bleibt, ist die offene Frage, die sich kein Kommentator zu stellen traut: Was geschieht mit einem Land, dessen östlichste Provinz sich selbst befragen will, während seine westlichste Provinz ebenfalls über die Scheidung nachdenkt, während ein Drittel der Wirtschaft vom südlichen Nachbarn abhängt, der gerade damit droht, die Scheidung notfalls selbst zu vollziehen? Kanada, einst das Musterbeispiel für friedliche Multinationalität, steht vor einer Prüfung, die seine Gründerväter sich nicht haben vorstellen können.
Dreißig Prozent. Eine Minderheitsregierung. Ein angekündigtes Referendum in unbestimmter Zukunft. Das ist keine Wahl. Das ist ein Beben, dessen Epizentrum noch nicht erreicht ist.
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