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7. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Zweitausend Dokumente und das Netz von Baku

7. Oktober 2026 — — Kastner

Als die Handschellen klickten, war August Hanning kein junger Mann mehr. Ein ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes, ein Mann, der viele Räume betreten durfte, die auf keinem Grundriss verzeichnet sind, befindet sich seit dieser Woche in Untersuchungshaft, angeordnet von Ermittlungsrichtern beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Die Vorwürfe, die der Generalbundesanwalt auf den Tisch legt, sind keine Petitessen: Agententätigkeit, landesverräterische Ausspähung, das Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchter Landesverrat. Vier Begriffe, vier Türen, die sich öffnen, sobald man sie aufstößt.

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Im Zentrum steht ein Bestand von fast zweitausend Dokumenten, teils als Verschlusssache eingestuft. Diese Papiere soll Hanning von seinem früheren Büroleiter Manfred D. erworben haben — jenem Manfred D., der noch bis März dieses Jahres in der Führungsebene des BND tätig war und nun ebenfalls in Untersuchungshaft sitzt. Die Bundesanwaltschaft spricht von zwei konkreten Fällen; weitere dürften im Laufe der Ermittlungen hinzukommen. In einem davon soll Hanning eingestufte Erkenntnisse verwendet haben, „um für den Mitarbeiter eines fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparats eine Analyse zu erstellen". So steht es wörtlich in der Mitteilung der Anklagebehörde. Die Formulierung ist so höflich, wie sie es in solchen Papieren immer ist.

Bei jenem „fremden Sicherheitsapparat" handelt es sich, wie der Spiegel zuerst berichtete und CORRECTIV weiter belegt, um eine Person in Aserbaidschan — jener autokratisch geführten Republik am Kaspischen Meer, die seit 2003 von Ilham Alijew regiert wird, der das Amt von seinem Vater Heydar Alijew erbte wie andere ein Stadtpalais. Hannings Verbindungen in dieses Land reichen den Recherchen zufolge bis in seine Zeit als BND-Chef zurück. Bereits im Jahr 2003 reiste er nach Baku und traf den damaligen Minister für nationale Sicherheit, Generaloberst Namiq Abbasov. Auf der Tagesordnung, wie aserbaidschanische Medien damals notierten: der „Kampf gegen den internationalen Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, illegale Migration und grenzüberschreitende organisierte Kriminalität". Es gibt Themen, die sich gut auf offiziellen Fotografien machen; das ist in jedem Hauptstadtprotokoll so.

Dass Geheimdienstkooperation im Kaukasus nicht immer fototauglich bleibt, weiß man in Berlin seit dem Jahr 2000. Damals reiste Hanning mit dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB nach Tschetschenien — offiziell zur Terrorismus-Bekämpfung. Die Gesellschaft für bedrohte Völker erstattete später Anzeige bei der Bundesanwaltschaft: Der BND habe Russland mit Informationen über die Tschetschenen versorgt; es ergebe sich der Verdacht auf Beihilfe zum Völkermord. In den beiden Tschetschenien-Kriegen der 1990er- und 2010er-Jahre starben Schätzungen zufolge etwa 200.000 Menschen. Die Akten darüber liegen heute in Archiven, über die niemand mehr Auskunft geben mag.

Im Jahr 2009, Hanning war inzwischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium, kam der aserbaidschanische Minister für Katastrophenschutz, Kemaladdin Heydarov, zu Besuch nach Berlin. Heydarov galt lange als eine der reichsten und mächtigsten Personen seines Landes. Gemeinsam unterzeichnete man eine „Absichtserklärung zur Zusammenarbeit in Notfallsituationen". Sein Sohn, dessen Name in den vorliegenden Berichten nur mit dem Anfangsbuchstaben T. beginnt, gehört zum Kreis jener, in denen Geschäfte gemacht werden, über die später, in anderen Räumen, nicht mehr gesprochen wird.

Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst, so berichten mehrere Medien übereinstimmend, betrieb Hanning verschiedene Sicherheitsfirmen und unterhielt als Pensionär Kontakte in Geheimdienstkreise anderer Länder. „Das mussten nicht zwangsläufig befreundete Länder sein", notiert ein Blatt, das seine Leser kennt. Im Mai 2025 schließlich schleuste das Hamburger Landeskriminalamt, wie unter anderem Reitschuster.de berichtet, einen verdeckten Ermittler in Hannings Firma ein — mit gefälschten Arbeitszeugnissen und der Legende vom ausgestiegenen Polizisten. Man darf annehmen, dass die Handschuhe, mit denen man solche Legenden anzieht, sehr feine Handschuhe sind.

Heute sitzt August Hanning in Karlsruhe. Manfred D. sitzt dort ebenfalls. Was er weiß, wird er vermutlich bald sagen müssen — ob er will oder nicht. Was er getan hat, werden andere zu beweisen haben. Das Spiel ist noch nicht zu Ende.

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