Rechenzentren wachsen, die Regeln schrumpfen
Manche Zahlen erzählen Geschichten, die kein Protokoll zu Ende schreibt. 21,3 Milliarden Kilowattstunden Strom verbrauchen die deutschen Rechenzentren nach einer Auswertung von CORRECTIV — eine Größenordnung, die sich nur über Vergleiche begreifen lässt: so viel wie neun Millionen Zwei-Personen-Haushalte, in einem Land, das sich rühmt, seine Energiepolitik an den Erfordernissen des Jahrhunderts auszurichten.
Die Bundesregierung plant, diese Kapazitäten bis 2030 mindestens zu verdoppeln. Die Rechenleistung für Künstliche Intelligenz und Hochleistungsrechnen soll sich sogar vervierfachen. Eine Weichenstellung, die man in den Korridoren der Ministerialverwaltung als industriepolitische Notwendigkeit verkauft — und die dort, wo die Transformatoren summen und die Kühlanlagen Wasser ziehen, als das eintrifft, was sie aus nüchterner Sicht immer war: eine Wette auf eine Zukunft, deren Rechnung noch nicht mitbezahlt ist.
In Aschheim im Landkreis München erweitert der Konzern Equinix seine Anlage MU4. Ein nüchterner Name für ein Gebäude, das im veröffentlichten Rechenzentrenregister des Bundeswirtschaftsministeriums nicht auftaucht. Das Register, eigens geschaffen, um erstmals Daten zu Energie- und Ressourcenverbrauch öffentlich zu machen, weist an dieser Stelle eine Lücke auf — nicht die einzige, wie die CORRECTIV-Auswertung zeigt. Wer den Datensatz über die Website des Ministeriums herunterlädt, kann nach Postleitzahlen suchen und wird die eine oder andere Anlage im eigenen Ort nicht direkt finden; ein Zustand, den man in der Sprache der Ministerialverwaltung als „lückenhaften Überblick" bezeichnet, in jeder anderen Sprache als das, was er offenkundig ist.
Gleichzeitig berät der Bundestag eine Novelle des Energieeffizienzgesetzes, deren Stoßrichtung sich in zwei Sätze fassen lässt: Die Frist wird verschoben, die Pflicht wird gestrichen. Das Zieldatum, bis zu dem Rechenzentren vollständig mit erneuerbaren Energien versorgt werden sollen, soll nach hinten rücken. Die Pflicht zur Nutzung der anfallenden Abwärme soll entfallen — „nicht mehr zwingend", wie es im Amtsdeutsch heißt, eine Floskel, die so klingt, als habe man vergessen, warum man die Regelung einst für notwendig erachtet hat.
Jedes dritte deutsche Rechenzentrum steht nach der Auswertung in einer Region mit Wasserbeschränkungen. Wasser, das zur Kühlung benötigt wird. Wasser, das in trockenen Sommern ohnehin knapp wird. Der Wert Power Usage Effectiveness, der die Effizienz einer Anlage beziffert — je näher an 1, desto besser —, lässt sich aus den verfügbaren Daten ablesen. Welche Menge Wasser tatsächlich verbraucht wird, hält das Register fest. Was es nicht festhalten kann, ist die Frage, ob die Region diese Menge noch entbehren kann.
In Potsdam und Brandenburg, wo Großprojekte geplant sind, sehen die Grünen und Umweltverbände Risiken, wie aus einem Bericht von STERN hervorgeht. Die Netzbetreiber, so ergänzt basicthinking.de, stoßen bei neuen Rechenzentren bereits an die Grenzen ihrer Kapazitäten, während die Zahl der Anschlussanfragen weiter steigt. Das Handelsblatt veröffentlichte am 20. Juni 2026 eine Umfrage, der ein Gesicht zu geben ist: Fast die Hälfte der Deutschen sieht den Stromhunger kritisch, befürwortet aber gleichzeitig den Ausbau. Eine Haltung, die sich in Umfragen als Mehrheit trägt, in der konkreten Gesetzgebung aber als das eintrifft, was man gemeinhin Kompromiss nennt.
Die Kompromisse, die derzeit ausgehandelt werden, folgen einem Muster, das aus früheren Verhandlungen nur allzu bekannt ist: Man nehme ein ehrgeiziges Ziel, verschiebe das Zieldatum, und nenne das Ergebnis Fortschritt. Die Server werden weiter wachsen. Die Register werden weiter Lücken aufweisen. Die Novelle wird an dem Tag verabschiedet werden, an dem die Lücken am größten sind.
Ich habe in Genf Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Die Unterschriften waren sauber. Die Handschuhe liegen noch bereit. Die Luftschlösser stehen noch.
Vera Kastner schreibt für die Terminal Tribune.
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