Börse
Terminal Tribune

8. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Im Vorzimmer der Macht: Wiles, Wiles und Republika Srpska

8. Oktober 2026 — — Kastner

Es gibt Bilder, die brauchen keinen Kommentar. Auf einem solchen, dieser Tage durch die sozialen Netzwerke gereicht und vom Sender CBS verifiziert, steht eine junge Frau neben einem Mann, der in den Depeschen das ist, was er ist: Milorad Dodik, der langjährige Politiker der bosnisch-serbischen Entität Republika Srpska, ein Mann, den Brüssel mit Sanktionen bedenkt und den Moskau mit Wohlwollen empfängt. Die junge Frau, so berichten es dieselben Quellen, ist Katie Wiles. Und der Name Wiles ist in Washington kein Name wie jeder andere.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Denn ihre Mutter ist Susie Wiles, Stabschefin des Weißen Hauses unter Präsident Donald Trump. Eine Frau, die als diskret gilt, als jene Person im Hintergrund, die Fäden zieht, von denen die Öffentlichkeit erst erfährt, wenn das Tuch bereits verkauft ist. Wiles, so liest man es in den einschlägigen Werken der jüngsten Chronik, kam nach Washington, als der Wahlsieg feststand, um mit Brian D. Ballard die Lobbyfirma Ballard Partners zu führen, bevor sie selbst in jene Kämmerlein wechselte, in denen die Geschicke einer Großmacht verwaltet werden. Man kannte sie in Florida, man kannte die parteiinterne Macht, und man kannte die Kunst jener Unsichtbarkeit, die in dieser Stadt als höchste Form der Sichtbarkeit gilt.

Nun aber ist es eine Tochter, die sichtbar wird. Katie Wiles, so berichtet das Magazin Political Wire, arbeitet für eine US-amerikanische Lobbyfirma, die einen Vertrag über monatlich 35.000 Dollar unterzeichnet hat, um die Interessen der Republika Srpska in Washington zu vertreten. Die Firma, so heißt es in der Mitteilung, ist nicht der Ort, an dem man eine Stabschefin vermuten würde; sie ist aber genau der Ort, an dem man das Geschäft vermutet, das in den Vorzimmern der Macht gemacht wird, wenn die Kameras längst aus sind.

Die Republika Srpska, das muss man wissen, ist jener Landstrich, den der Dayton-Vertrag 1995 als bosnisch-serbische Entität innerhalb Bosnien und Herzegowinas festschrieb. Man schrieb das Protokoll, man unterschrieb, man versprach sich die Zukunft. Die Geschichte, die seither geschrieben wurde, ist jene, die man kennt, wenn man einmal in Genf an einem Tisch gesessen hat: ein Vertragspartner, der die Bestimmungen neu interpretiert, ein anderer, der Klage erhebt, und in der Mitte jene Männer, die lächeln, während sie die Landkarte verschieben. Dodik gehört zur Sorte, die das Verschwinden des Staates Bosnien und Herzegowina nicht mehr als These verhandelt, sondern als Programm. Die Vereinigten Staaten haben ihn, je nach Lesart, mit Reiseverboten und Sanktionen belegt. Russland sieht das anders. Die Republika Srpska sieht, wie jeder kleine Staat zwischen den Welten, vor allem jene, die das Geld haben.

Und hier beginnt die Frage, die kein Bericht beantworten kann, solange die Originaldokumente nicht auf dem Tisch liegen: Was veranlasst eine junge Frau, deren Mutter das Ohr des mächtigsten Mannes bewacht, sich in jene Kanzlei zu begeben, die das Sprechzimmer einer Entität mietet, welche international zwischen Sanktion und Schulterklopfen pendelt? Ist es Zufall, ist es die Liaison zwischen familiärer Nähe und politischer Opportunität, ist es schlicht die erste Stelle nach dem Studium, wie man sie in Washington bekommt, wenn der Name stimmt und das Adressbuch nicht von der Stange ist? Man weiß es nicht. Man weiß nur, was man sieht: ein Bild, einen Vertrag, einen Namen, der in beiden vorkommt.

Die politischen Ethiker in Washington werden in diesen Tagen an jenen Begriff erinnert, den sie alle kennen und den niemand gern ausspricht: Interessenkonflikt. Eine Definition, die seit langem in jedem Handbuch steht und in der Praxis jene Grauzone beschreibt, in der die Verwandtschaft eines Regierungsmitglieds Geschäfte macht mit Akteuren, die der Staat, dem das Regierungsmitglied dient, gleichzeitig beobachtet, sanktioniert oder duldet. Es ist die Grauzone, in der die Lobbyfirmen dieser Stadt ihr tägliches Brot verdienen. Es ist die Grauzone, in der sich entscheidet, ob ein Name eine Adresse ist oder ein Zugang.

Was bleibt, ist ein Bild und ein Vertrag. Ein Bild, das in einer Zeit, in der die alten Bündnisse bröckeln, an jene Geste erinnert, mit der man ein Glas hebt, während der Wein vielleicht vergiftet ist. Ein Vertrag, der monatlich 35.000 Dollar kostet und den ein junger Name unterschrieben hat, der zufällig — oder eben nicht zufällig — mit dem einer Stabschefin identisch ist. Man darf die Fakten berichten. Man darf die Fragen stellen. Nur eines sollte man nicht tun: so tun, als hätte man es nicht gesehen.

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 1 abrufbare Quelle

1 Quelle · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort