Vor dem Budget: Wenn Flugchefs dieselbe Sprache sprechen
London. Wenn Ryanair-Chef Michael O'Leary das Wort ergreift, dann in einer Sprache, die nicht mehr an Geschäftsberichte erinnert. „Stop taxing the s*** out of holidaymakers", so ließ er unlängst verlautbaren, im Chor mit anderen Airline-CEOs, und alle richten denselben Satz an dieselbe Adresse: an Chancellor John Healey, der am 28. Oktober sein erstes Budget vorlegt.
Die Flugbranche hat für solche Auftritte ein gemeinsames Format. „Airlines for Europe", kurz A4E, heißt der Verband, in dem O'Leary Seite an Seite mit Lufthansa-Chef Carsten Spohr, mit Air France-KLM, mit Easyjet und der IAG sitzt. Tagsüber sind das erbitterte Konkurrenten — die Lufthansa hält O'Leary nach Kräften aus Deutschland fern —, vor dem Budget aber treten sie gemeinsam auf.
Die Argumentation folgt einem wiedererkennbaren Muster. Erstens die Großbuchstaben der Empörung: eine britische Flugsteuer, das Etikett „Labour f***ing tax and spend government" und die Hotelabgabe, die in der Branche als „loony" firmiert. Zweitens die konkrete Forderung: Senkung der APD, der Air Passenger Duty, und Streichung der Übernachtungsabgabe. Drittens die persönliche Adressierung des obersten Kassenhüters im Lande.
Man muß über die Geschichte britischer Steuern nicht lange streiten, um zu sehen, wie schnell sich Erzählungen verschieben lassen. Der Faktenprüfer Full Fact etwa korrigierte am 8. Oktober eine Aussage der Konservativen-Chefin Kemi Badenoch. Diese hatte in einer Parteibroschüre behauptet, die Energy Profits Levy sei von Labour „erst auf 2028, dann auf 2029, dann auf 2030" verlängert worden. Tatsächlich, so Full Fact, wurden die ersten beiden Verlängerungen — 2028 und 2029 — bereits unter konservativen Regierungen angekündigt und beschlossen. Lediglich die letzte Verlängerung auf 2030 geht auf Labour zurück.
Die Korrektur ist klein im Detail, aufschlußreich im Verfahren. Wer über Steuern spricht, kann Geschichten erzählen. Wer in einer Broschüre „Labour" druckt, wo die Vorgängerregierung gemeint ist, verschiebt Zurechnungen.
In vergleichbarer Manier tritt derzeit die Flugbranche auf. „Stop taxing the s*** out of" — der Satz wirkt, als spreche ein besorgter Familienvater. Gemeint aber ist die Forderung nach einer Senkung jener Steuer, die Großbritannien auf Flugtickets erhebt. Wer profitiert, läßt sich an den genannten Häusern ablesen: Ryanair, Easyjet und andere Billigflieger sind die größten Inland- und Kurzstreckenbetreiber des Landes. Die Hotelabgabe wiederum trifft städtische Tourismuszentren — London, Edinburgh, Manchester —, in denen Geschäftsreisende wie Urlauber übernachten.
Es ist nicht ungewöhnlich, daß Branchen vor Budgets lobbyieren. Ungewöhnlich ist die Wortwahl. „Loony", „s***", „f***ing" — wer so spricht, will nicht verhandeln, sondern emotional aufladen. Was am Ende einer Senkung stünde, ist eine Frage der Verschiebung: weniger Einnahmen aus der Luftfahrt — wer trägt die Differenz?
Was bleibt, ist ein britischer Haushalt, an dessen Vorabend eine Branche laut spricht — und ein demokratisches Verfahren, in dem die lauteste Stimme nicht immer die sorgfältigste sein muß.
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