Börse
Terminal Tribune

10. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Das Rathaus im Nebel — Elif Eralps gefährlicher Traum von Berlin

10. Oktober 2026 — — Kastner

Es gibt Abende in dieser Stadt, an denen der Nebel so dicht über die Spree fällt, dass man die eigenen Konturen nicht mehr erkennt. Elif Eralp steht in solchen Abenden. Sie ist Spitzenkandidatin der Berliner Linken, Juristin, seit 2021 Mitglied des Abgeordnetenhauses, und sie könnte Regierende Bürgermeisterin dieses schwierigen, schönen, heruntergekommenen Gemeinwesens werden. So sagen es die einen. Die anderen — und sie sitzen in den eigenen Reihen — scheinen noch nicht entschieden, ob sie es wollen.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Die Linke will in Berlin eine Rekordzahl an Sitzen gewinnen. So lautet der Anspruch. Die Realität ist nüchterner. Im Wahlspot der Partei sieht man das Danziger Rathaus, jenes polnische Backsteinwunder am Ufer der Mottlau, das an die freie Stadt erinnert, die 1939 unterging, als die Welt noch glaubte, Verträge seien mehr als bedrucktes Papier. Das Rote Rathaus, das eigentliche Ziel jeder linken Berliner Ambition, bleibt unsichtbar. Man filmt die Sehnsucht nach einem Ort, der nicht der eigene ist. Man zeigt den Zuschauern, was man nicht zu zeigen wagt. Das ist, diplomatisch formuliert, bemerkenswert.

Elif Eralp, die durchaus den Ehrgeiz besitzt, dieses Rathaus zu betreten, wird derweil von einer Kampagne getragen, deren Forderungen sich in der Berliner Luft verlieren wie Tabakrauch über dem Belle-Alliance-Platz. Luxusvillensteuer auf Immobilien über vier Millionen Euro. Entlastung der Bevölkerung durch eine Steuer auf Übergewinne der Ölkonzerne. Es klingt gerecht. Es klingt dringlich. Es klingt vor allem nach einem Programm, das in Talkshows funktioniert, nicht in der Senatskanzlei. Denn jede schnelle Lösung ist teuer. Und jede teure Lösung ist schlecht gezielt. Wer die Übergewinne der Konzerne besteuern will, muss erklären, wie er gleichzeitig die Stadt entlasten will, ohne dass die Konzerne die Preise weitergeben. Wer eine Luxusvillensteuer erhebt, muss erklären, wie viele solcher Villen es in Berlin überhaupt gibt und ob der Ertrag die Verwaltungskosten deckt. Nichts davon wird erklärt.

Die eigentliche Bruchlinie verläuft nicht zwischen Eralp und ihren politischen Gegnern. Sie verläuft zwischen Eralp und ihrer eigenen Partei. In der größten Synagoge der Stadt sitzt sie auf einem Podium, der Rücken durchgedrückt, das Gesicht versteinert, während ein Moderator sie ins Kreuzverhör nimmt. Ein Moderator, der eben noch für den Springer-Verlag arbeitete. Er stellt die berechtigte Frage, ob die Linke eine Mitschuld am Antisemitismus trage. Er stellt die weniger berechtigte Frage, ob sie auf Türkisch vor Antisemitismus warne. Währenddessen lehnt sich der CDU-Kandidat lächelnd zurück, seine eigenen Parteifreunde im Verdacht, Fördermillionen gegen den Antisemitismus an die falschen Adressen vergeben zu haben. Eralp redet. Allein.

Dass sie elf Tage vor der Wahl über Antisemitismus in der eigenen Partei sprechen muss, hat sie ihren Genossen zu verdanken. Auf Einladung der Linken in Neukölln trat ein Rapper auf, der von der Bühne aus Terroranschläge verherrlichte. Die Wunde, die dieser Abend schlug, ist noch nicht verheilt. Die Solidarität, die Eralp jetzt erfährt, kommt von unerwarteter Seite. Überlebende und Angehörige der Opfer rechtsextremer Terroranschläge rufen zur Wahl der Linken-Spitzenkandidatin auf. Die Geschwister Şimşek, deren Vater vom NSU ermordet wurde. Seda Başay-Yıldız, einst NSU-Nebenklageanwältin. Mehmet Daimagüler, ebenfalls Nebenklageanwalt. Sie schreiben: Eine Stimme für Eralp sei eine Stimme gegen Rassismus und Antisemitismus. Das ist ein starkes Wort. Aus diesen Mündern klingt es wie ein Eid.

Aber die Frage bleibt offen, in der kühlen Luft dieser Septembertage, während der Nebel über die Spree fällt. Wird die eigene Partei Elif Eralp wirklich tragen? Wird sie ihr die Türen des Roten Rathauses öffnen, oder wird sie, wie so oft in der Geschichte linker Bündnisse, im entscheidenden Moment zögern, zweifeln, sich selbst im Weg stehen? Die Strategen, die Zohran Mamdani in New York zum Sieg verhalfen, haben auch Eralp beraten. Das ist ein Fakt. Ob es reicht, ist ein anderer Fakt. New York ist nicht Berlin. Berlin ist nicht New York. Berlin ist Berlin, mit all seinen Verwundungen, seinen Schulden, seiner Schönheit.

Elif Eralp könnte Regierende Bürgermeisterin werden. Der Konjunktiv ist ein mörderisches Wort. Es enthält die Möglichkeit und ihre Auslöschung in einem Atemzug. Elf Tage vor der Wahl zählt nur, was die Partei tut, nicht was sie verspricht. Und die Partei, das muss man nüchtern sagen, hat ihrer Kandidatin bisher mehr Steine in den Weg gelegt als Brücken gebaut. Die Luxusvillensteuer bleibt ein Schlagwort. Die Ölkonzerne bleiben außer Reichweite. Das Rote Rathaus bleibt verpixelt. Was bleibt, ist eine Frau, die in Handschuhen Politik macht, auch wenn sie es nicht mehr trägt. Was bleibt, ist die Frage, ob Berlin bereit ist, sie hineinzulassen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 0 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Linke fordert Luxusvillensteuer für Immobilien über 4 Millionen Euro

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZAHL Linke fordert 470 Euro Entlastung für Bürger wegen steigender Energiepreise

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort