Ovechkin, Lavrov und das Theater der zwei Zahlen
Washington/Moskau. Man stelle sich ein Studio vor. Ein Mann steht vor der Kamera, der weiß, wie man den Puck führt. Ein anderer steht neben ihm, der weiß, wie man Protokolle unterzeichnet — und wie man sie hinterher vergisst. Die Kamera gehört einer Partei, die seit zwei Jahrzehnten den Kreml bewohnt, und deren nomineller Vorsitzender Wladimir Putin ist, jedenfalls dem Namen nach. Alexander Ovechkin, Kapitän der Washington Capitals, hat einen Wahlwerbespot für Einiges Russland gedreht. An seiner Seite: Sergei Lawrow, Außenminister der Russischen Föderation, ein Mann, dessen Lächeln ich aus Genf kenne — jenem Genf, in dem Verträge besiegelt wurden, die das Papier nicht wert waren, auf dem sie standen.
Es heißt, der Spot sei im Vorfeld der russischen Parlamentswahlen im September produziert worden. Es heißt weiterhin, Ovechkin unterstütze sein Land. Das ist keine Überraschung. Es ist die Grammatik dieses Gewerbes: man rahmt die Wirklichkeit so ein, dass sie aussieht wie eine Huldigung, und die Huldigung sieht aus wie eine Wahl.
Über Ovechkins Vita muss man nicht streiten, sie ist nachzählbar: dreizehn Weltmeisterschaften, drei Olympische Winterspiele, dreimal Weltmeister. Ein Athlet, der für Russland auflief, als die Trikots noch einen anderen Aufdruck trugen, und der sie heute noch genauso trägt, als hätte sich nur die Beleuchtung geändert. In der National Hockey League steht er als Rekordtorschütze in den Büchern — alle Zeit, hieß es, in jedem Vorbericht. Eine Zahl, die man nicht wegrechnen kann.
Dass er neben Lawrow steht, im selben Film, zur selben Stunde, hat, wie die Kollegen von HockeyFeed bemerkten, ein anderes Gewicht als ein harmloses Doppelporträt zweier Landsleute. Es ist das Gewicht der Bühne, nicht das des Bildes. Lawrow verhandelt über Dinge, die größer sind als ein Eishockey-Puck — und er tut es mit jener höflichen Verstocktheit, die ich in den Sitzungssälen am Genfer See oft genug gesehen habe.
Während in Moskau das Licht auf die Werbung fällt, fällt anderswo anderes Licht auf anderes. Donald Trump, Präsident jenes Landes, in dem Ovechkin seine Tore schießt, hat die Sanktionen gegen russische Treibstoffe gelockert — während die übrigen Sanktionen gegen Russland fortbestehen. Eine Geste, deren Geometrie sich erst beim zweiten Hinsehen erschließt: links die geschlossene Tür, rechts der aufgemachte Spalt, dazwischen ein ganzer Ozean aus Kalkül. Es ist, wenn man so will, das alte Spiel der entgegengesetzten Vorzeichen. Wer hebt die Faust, wer hebt das Embargo, wer hebt den Handschuh.
Nun zu den Zahlen, die keine sein wollen. Die offiziellen Ergebnisse, wie sie aus Moskau gemeldet werden, weisen Einiges Russland, Wladimir Putins Partei, mit 57,83 Prozent aus. Man schreibt das so hin, wie es gemeldet wird, mit den zwei Stellen hinter dem Komma, dem üblichen Vertrauen in die Akten. Zwei unabhängige Exit-Polls, durchgeführt in siebenundzwanzig Ländern, erzählen eine andere Geschichte. In dieser Geschichte liegt die Partei Neue Menschen vorne, mit rund 45 Prozent, und Einiges Russland taucht ab auf 2,8 Prozent. Die Differenz ist keine Rundungsfrage. Sie ist eine Topographie. Hier die Akten, dort die Befragten, die noch wussten, was sie gedacht hatten, bevor die Akten geschrieben wurden.
Es steht mir nicht an, das eine zu wählen und das andere zu verwerfen. Wohl aber steht mir an, es nebeneinanderzustellen, so wie man Dokumente nebeneinanderlegt, wenn man vergleicht. Ein Sportler, der seinen Namen hergibt; ein Außenminister, der ihm Gesellschaft leistet; eine Partei, die sich feiern lässt, als hätte sie die Wahl gewonnen; Wahlen, die sich in zwei Versionen präsentieren; und ein Präsident jenseits des Atlantiks, der die Schlüssel für ein wenig Brennstoff dreht, während die Tür offiziell verschlossen bleibt. Man nennt das Politik. Man könnte es auch Architektur nennen.
Ich trage Handschuhe, beim Schreiben wie beim Empfang. Heute wie damals. Die Hände darunter werden kalt, aber sie bleiben sauber. Es gibt keinen Handschlag, der nicht auch ein Vertrag ist; und keinen Vertrag, der nicht auch ein Spiegel ist. Ovechkin schießt Tore in Washington. Lawrow unterschreibt in Genf. Putin gewinnt Wahlen, die in zwei Fassungen existieren. Trump dreht an den Hähnen. Alle lächeln. Alle tragen Handschuhe. Nur das Material ist verschieden.
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