Börse
Terminal Tribune

11. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Zensierte Trikots, brennende Schiffe: Minsk und Teheran spielen ihr Spiel

11. Oktober 2026 — — Kastner

Helsinki, Dienstagabend. Eine Nationalelf läuft zum Aufwärmen auf den Rasen, und auf den Hemden steht, was in diesen Zeiten selten geworden ist: ein Satz, der nichts fordert und nichts verspricht, nur eine Position markiert. „We stand for peace", steht da. Die finnische Mannschaft trägt diese Worte vor dem Nations-League-Spiel gegen Belarus wie eine kleine, ruhige Fahne. Fernsehkameras sind dabei. Auf den Rängen wird es still. In Minsk, wo der belarussische Staatssender die Partie überträgt, sehen die Zuschauer etwas anderes.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Denn die Bilder werden nicht gezeigt. Die Hemden, der Schriftzug, das Aufwärmen — weggeblendet, weggeschnitten, ersetzt durch Studio-Einstellungen, durch Kommentatoren, durch das, was in Minsk als Wahrheit gilt. Der belarussische Staatssender zensiert den friedlichen Protest einer fußballspielenden Mannschaft. Er tut es nicht laut, nicht mit einer Erklärung, nicht mit einer Begründung. Er tut es durch das Ausbleiben von Bildern. Das ist die höflichste Form der Lüge: das Verschweigen.

Dass diese Zensur notwendig wurde, sagt mehr über die belarussische Gegenwart als jede Pressekonferenz. Eine Nationalelf, die „Wir stehen für den Frieden" trägt, ist in Minsk ein Akt der Subversion. Sie wird aus dem Bild geräumt, weil ihre bloße Existenz auf dem Bild etwas ausspricht, was der Sender nicht aussprechen will. Auch das Stadion hat gesprochen. Die Fans in Helsinki entrollten ein Banner, das Lukaschenko als Kakerlake zeigt. Es ist eine grobe Geste, eine direkte, eine beinahe kindliche — und vermutlich deshalb wirksam, weil sie keiner diplomatischen Sprache bedarf.

In Minsk wird auch diese Geste nicht gezeigt. Die Kakerlake wandert in dieselbe Tonne wie die Friedenshemden. Sauber, sortiert, entsorgt.

Doch die Weltkarte hat mehr als einen Brennpunkt an diesem Abend.

In der Straße von Hormuz, jener Wasserader, durch den ein Fünftel des weltweit verschifften Öls fließt, jagen iranische Drohnen Schiffe. Gleichzeitig erklärt der iranische Präsident Peseschkian, Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten seien „sinnlos". Er ruft die iranische Bevölkerung auf, Strom zu rationieren und den Vereinigten Staaten zu „widerstehen". Die Bilder — brennende Schiffe, leere Räume — und der Satz ergeben zusammen jene Choreografie, die in den Hauptstädten der Außenpolitik längst ihren eigenen Namen trägt.

Denn während Peseschkian die Sinnlosigkeit von Verhandlungen verkündet, wird weiter verhandelt. Es ist eine jener Lagen, in denen die offizielle Sprache und die tatsächliche Bewegung nicht mehr dieselbe Richtung einschlagen. Die Vermittlungsbemühungen zwischen Washington und Teheran stocken — aber sie stocken, wie Motoren stocken: laufend, mit Ruckeln, mit abgewürgten Gängen. Es gibt keinen Stillstand, nur eine Übersetzungslücke zwischen dem, was Regierungen sagen, und dem, was Regierungen tun.

Als die ersten Drohnen in der Meerenge Schiffe angriffen, einigten sich die beiden Seiten unter Vermittlung auf eine Waffenruhe. Der Vertrag hielt, kurze Zeit. Dann nicht mehr. Die Drohnen sind zurück, und mit ihnen die Erklärung, Verhandlungen seien sinnlos.

Man kann das eine Strategie nennen. Man kann es eine Verhandlungstaktik nennen. Wer in Genf Verträge gesehen hat, die nie eingehalten wurden, erkennt eine alte Mechanik wieder: Die Tinte auf den Verträgen und der Rauch über der Meerenge stammen aus derselben Stunde.

Und in Helsinki wird ein Trikot zensiert, das drei Worte trägt. „Wir stehen für den Frieden." Drei Worte, die in Minsk ein Sicherheitsrisiko darstellen. Drei Worte, die nicht gesendet werden, weil sie Fragen auslösen könnten — und Fragen sind in Minsk wie in Teheran eine Ressource, die rationiert wird wie Strom in einer iranischen Großstadt im Sommer.

Minsk und Teheran spielen in diesen Tagen dasselbe Spiel mit unterschiedlichen Figuren. Der belarussische Sender zeigt den Frieden nicht, der iranische Präsident zeigt den Krieg, während er den Frieden verhandelt. Beide üben dasselbe: das Wegwischen dessen, was im eigenen Bild nicht stimmt. Hier durch den Schnitt, dort durch die Drohne.

Helsinki hat seine Friedenshemden auf den Tisch gelegt. Minsk hat sie vom Tisch genommen. Teheran hat die Dame gezogen, ohne zu sagen, dass es spielt. Und Washington, so heißt es, wartet auf eine Antwort, die längst gegeben wurde — nur nicht in der Sprache, in der sie erwartet wird.

Vielleicht ist das die einzige Konstante in diesen Tagen: Wer schweigt, schweigt nicht aus Schwäche. Wer schweigt, schweigt aus Übung. Und wer Frieden trägt, muss damit rechnen, dass das Trikot das Redigieren übernimmt.

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 2 abrufbare Quellen

5 Quellen · 0 davon belegt · 4 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort