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12. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Phantom MU4: Wenn das Register schweigt und die Novelle lockert

12. Oktober 2026 — — Kastner

Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Kapazitäten deutscher Rechenzentren bis 2030 zu verdoppeln, die Rechenkapazitäten für Künstliche Intelligenz und Hochleistungsrechnen sogar zu vervierfachen. Eine solche Zahl klingt nach Entschlossenheit. Man hat ähnliche Töne auch früher gehört, in Sälen, deren Wände mit Verträgen behängt waren — Versprechen, die sorgfältig formuliert wurden, damit sie sich hinterher leichter biegen ließen. Die Frage, die selten gestellt wird, ist am Ende stets dieselbe: Wer prüft am Buchstaben, was am Geist gemeint war?

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In Aschheim, einer Gemeinde im Osten Münchens, erweitert der Betreiber Equinix derzeit sein Rechenzentrum MU4. Der Ausbau läuft. Im Rechenzentrenregister des Bundeswirtschaftsministeriums taucht MU4 nicht auf. Das Register, das erstmals überhaupt Daten zu Energie- und Wasserverbrauch deutscher Rechenzentren bündelt und über die Seite des Ministeriums sowie über einen herunterladbaren Datensatz zugänglich macht, kennt das Gebäude also nicht, das es eigentlich verzeichnen sollte. Wer nachschauen will, kann im offenen Datensatz nach Postleitzahlen suchen, um auch jene Anlagen zu finden, die im Online-Tool fehlen. Ein Register, das seine Treue zur eigenen Karte erst beim zweiten Klick offenbart.

Was sich zeigt, ist nicht ohne Gewicht. Rund 21,3 Milliarden Kilowattstunden Strom verbrauchen deutsche Rechenzentren im Jahr, das entspricht etwa dem Bedarf von neun Millionen Zwei-Personen-Haushalten. Eine Fotodatei in der Cloud, eine abendliche Serie, ein paar Sätze an einen Chatbot, eine Stunde Videokonferenz — all das lässt Anlagen rechnen, die niemand betritt. Sie stehen in Gewerbegebieten, hinter Zäunen, zwischen Autobahnen und Wiesen, unsichtbar gerade dort, wo die meiste Last getragen wird.

Zur Kühlung benötigen viele dieser Anlagen Wasser. Sie produzieren zugleich große Mengen Abwärme, die bisher weitgehend ungenutzt bleibt. Hier liegen die beiden Ressourcen beieinander, die in einer industrialisierten Volkswirtschaft stets als letzte verhandelt werden: Wasser zum Kühlen, Wärme zum Heizen. Eine Auswertung des Registers durch CORRECTIV zeigt, dass bereits jedes dritte deutsche Rechenzentrum in einer Region steht, in der Wasser im Sommer knapp wird. Es ist die Überschneidung von Hitze und Durst, die sich in dieser Karte abzeichnet — ruhig dokumentiert, ohne Kommentar.

Die Bundesregierung will die Kapazitäten ausbauen und gleichzeitig die Umweltvorgaben lockern. Im Bundestag wird derzeit eine entsprechende Novelle des Energieeffizienzgesetzes beraten. Vorgesehen ist, das Zieldatum für die hundertprozentige Versorgung der Anlagen mit erneuerbaren Energien nach hinten zu verschieben. Außerdem sollen Betreiber Abwärme künftig nicht mehr zwingend nutzen müssen. Sektor wächst, Schwellen sinken: eine doppelte Bewegung, die in den Protokollen der Ausschüsse nun nebeneinandersteht.

Wer im Register blättert, findet eine Zahl, die jeder versteht. Die Power Usage Effectiveness, kurz PUE, beschreibt, wie nahe eine Anlage an der theoretisch höchsten Effizienz arbeitet. Je näher der Wert an Eins liegt, desto weniger Energie wird für die Anlage selbst verbraucht, desto mehr kommt dem Rechnen zugute. Die PUE ist eine nüchterne Größe. Sie unterscheidet nicht nach Parlamentsmehrheiten oder Sondierungsgesprächen. Sie rechnet einfach mit.

Es ist eine ruhige Stunde. Daten werden erhoben, Register geführt, Novellen beraten. Anlagen wachsen, Zieldaten rücken, Pflichten werden zu Optionen. Wer in solchen Stunden auf Zahlen verweist, gilt als Bremser. Wer Zahlen verschiebt, gilt als Ermöglicher. Das Energieeffizienzgesetz wird in den kommenden Wochen weiter beraten. Ob die Pflicht zur Nutzung der Abwärme am Ende bestehen bleibt, ist offen.

Aschheims MU4 wird unterdessen weiter ausgebaut, ob im Register verzeichnet oder nicht. Der Ausbau läuft. Daneben liegt, sauber formuliert, die andere Aussage: über Wasser, das in manchen Regionen knapper wird, über Wärme, die in die Atmosphäre entweicht, über ein Register, das seine eigenen Erweiterungen erst beim Nachfragen preisgibt. Die Wolke, die uns trägt, hat ein Gewicht. Manches lässt sich erst benennen, wenn es nicht mehr zu verstecken ist.

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