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12. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Nius, zum zweiten Mal: neun Gigabyte im Regen

12. Oktober 2026 — — Kastner

Es gibt einen alten Satz aus Genf, wo ich früher Verträge begutachtete, die niemand hielt: Die Wahrheit kommt immer zuletzt, aber sie kommt aktenkundig. Was das Haus Nius jetzt erlebt, ist nicht Wahrheit. Es ist das Gegenteil. Es ist die aktenkundige Verletzung jedes Lesers, der diesem Portal seine Adresse anvertraut hat.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Neun Gigabyte. Die Zahl steht diese Woche in den Recherchen von CORRECTIV, und sie klingt, wie Sicherheitsberichte klingen — sachlich, irgendwie entfernt. Dahinter aber, meine Damen und Herren, liegen zwölftausend Abonnenten mit Klarnamen, mit Wohnanschriften, mit Mailadressen, in vielen Fällen mit Teilen von Kreditkartennummern. Mitarbeiter. Gesprächspartner der Redaktion. 21.489 Beiträge, die das Redaktionssystem preisgegeben hat wie eine Schublade, die sich von selbst öffnet.

Wer das Haus Nius auch nur flüchtig kennt, weiß: Es war nicht das erste Mal. Im Sommer des Vorjahres hatten Hacker bereits Nutzerdaten abgezogen und veröffentlicht. Die Redaktion um Chefredakteur Julian Reichelt hatte daraufhin Anzeige gegen Unbekannt gestellt. Die Anzeige gegen Unbekannt ist in solchen Fällen das Äquivalent einer höflichen Verbeugung vor dem Spiegel. Man bekundet Empörung. Man meint sie publizistisch.

Nun also die zweite Dosis. CORRECTIV hat Auskunft eingeholt, Stichproben abgeglichen, die Authentizität bestätigt. Reichelt hat am Mittwoch auf seinem Portal eingeräumt, es habe ein Leak im Mai oder Juni gegeben. Er werde Strafanzeige gegen Unbekannt stellen. Wieder: Unbekannt. Wer auch immer.

Auffällig ist die zeitliche Choreografie. CORRECTIV hatte dem Portal am Montag Fragen geschickt und die Redaktion damit in Kenntnis gesetzt. Spätestens seitdem, so lesen wir, hätte Nius die Möglichkeit gehabt, die Betroffenen zu informieren und Lücken im System zu schließen. Bei der Datenschutzbeauftragten des Landes Berlin ging am vergangenen Dienstag die vierte Meldung über einen Datenschutzvorfall seit Juni 2025 ein. Vier Meldungen in etwas mehr als einem Jahr. Man kann das Pech nennen. Verdi, die Gewerkschaft, nennt es, was Verdi bei solcherlei nennt. Reporter ohne Grenzen stellten ihre eigenen Fragen.

In den geleakten Nutzerdaten, so rekonstruieren es die Recherchen, finden sich Daten von Politikern aus Bund und Ländern und von Unternehmern. Man stelle sich die Mechanik vor: Ein Medium, das sich als Stachel im Fleisch des Establishments inszeniert, gefährdet dieselben Quellen, aus denen es seine vermeintliche Distinktion zieht. Es gibt einen Namen für diese Form der Betriebsblindheit. Ich spreche ihn nicht aus. Aber jeder Leser kennt ihn.

CORRECTIV hat, so viel Fairness muss sein, auf die Veröffentlichung von Klarnamen der Autoren verzichtet, die bei Nius offenbar unter Pseudonym schreiben. Das ist journalistischer Anstand. Er ist leider nicht selbstverständlich.

Was bleibt, ist ein Muster. Man gibt sich radikal. Man gibt sich unangreifbar. Man spielt die Empörung gegen jene, die Datenlecks verursachen. Und man ist selbst das Leck. Man baut sich ein Redaktionssystem, in dem Mitarbeiter und Abonnenten mit derselben Sorglosigkeit behandelt werden. Man verschickt Petitionen zur Pressefreiheit, während die eigene Datenleitung so offen liegt wie ein Notizbuch in einer Bahnhofshalle.

Die Ironie, so möchte man sagen, ist höflich. Sie wartet geduldig wie eine sehr erzogene Dame, die weiß, dass ihr Auftritt kommen wird. Sie ist jetzt da. Neun Gigabyte, in der Woche, in der das Haus Nius glaubte, über andere richten zu können. Die Handschuhe, die ich bei solchen Gelegenheiten trage, reichen nicht, um das wegzuwischen. Sie reichen, um hinzusehen.

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