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12. Oktober 2026

Dossier · Politik & Macht

Gewissenszoll

12. Oktober 2026 — — Kastner

Es gibt Auftritte, die wirken wie Beichten und kosten wie Spenden.

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Männer mit Vermögen — man hat ihnen ein Vermögen ausgestellt, nicht einen Kontostand, denn der Unterschied ist, wenn man genau hinsieht, semantisch — treten vor die Mikrofone dieser Tage und sagen: Besteuert mich. Besteuert uns. Besteuert die, die genug haben, um nicht mehr zählen zu müssen. Sie sagen es mit der Salbung von Geistlichen, die um Kollekte bitten. Sie sagen es lächelnd. Sie sagen es immer lächelnd, diese neuen Büßer der Ökonomie, die ihre Gewissenserleichterung in Pressemitteilungen ummünzen und darauf hoffen, dass die Kameras die exakte Summe der Umkehr allzu genau prüfen.

Ein Millionär aus dem Norden hat jüngst verkündet, sein Land müsse die Reichen mehr besteuern, sehr viel mehr. Er sagt es so, wie andere vom Wetter sprechen. Mit der Selbstverständlichkeit dessen, der nichts zu verlieren hat außer der Illusion, etwas zu sagen, das noch niemand gesagt hat. In Wahrheit sagen es alle. Die einen meinen es als Forderung, die anderen meinen es als Ablass — eine Geste, die das Gewissen entlastet, ohne den Kontostand zu berühren. Wieder andere meinen es schlicht als Werbung.

In einer Stadt, deren Silhouette längst zur Ikone des Reichtums und seiner Schattenseiten geworden ist, tritt ein junger Mann mit einem Programm auf, das klingt wie ein Relikt aus einer Zeit, in der progressive Steuern noch als progressiv galten. Zohran Mamdani heißt er, und sein Wunsch, die Superreichen New Yorks zur Kasse zu bitten, hat in den Wahlumfragen die Funktion eines Glaubenssatzes übernommen. Am Steuerzahlertag, so titelte eine Zeitung, habe Mamdani die Reichen besteuert — eine Schlagzeile, die wie eine Heiligenlegende klingt und wie eine Wahlkampagne gemeint ist. Drei Wörter — tax the rich — einmal Forderung, heute Markenname, morgen vielleicht schon wieder Ladenhüter.

Man soll nicht kleinlich sein, sagen die Kommentatoren in den Foren, und haben dabei meistens selbst keine Haut im Spiel. Es gibt viele plausible Gründe, die Reichen zu besteuern, auch wenn man nicht glaubt, dass die Besteuerung des obersten Prozentes allein die Welt erlösen wird. Aber genau dies ist die Stelle, an der die Diskussion abbricht wie eine Schallplatte, die springt: Alle nicken, keiner rechnet. Die Forderung ist zum Dekor geworden, zur Girlande, die das Schaufenster schmückt, hinter dem die Bilanzen wachsen.

Während die einen fordern, sortieren andere. Rankings, kühl wie Quittungen, vermessen den internationalen Steuerwettbewerb. Da steht ein Staat auf Platz zehn, ein anderer auf Platz achtzehn — Zahlen, die niemand liest, die aber alle spüren, denn sie entscheiden darüber, wohin das Kapital wandert, wohin die Investitionen fliehen, wohin die Briefkästen umziehen. Bürger hier tragen eine andere Last als Bürger dort, so stellen die Vergleichstabellen fest, und die Differenz ist nicht symbolisch, sondern buchhalterisch. Wer wo wie viel zahlt, wird zur Frage der Wettbewerbsfähigkeit, und die Wettbewerbsfähigkeit kennt, wie man weiß, kein Vaterland.

Es ist eine Komödie, so alt wie die Bühne selbst. Schon im alten Rom standen die Tribunen auf den Brettern und versprachen das Vermögen der Reichen dem Volk, und auch damals lächelten die Reichen, und auch damals floss das Geld dorthin, wo die Gesetze es am wenigsten behinderten. Neu ist nur die Aufmachung: die Pressekonferenz, das Blitzlicht, das wohltätige Lächeln, das anschließend in Talkshows wiederholt wird wie ein Stoßgebet.

Was bleibt? Die Geste. Immer die Geste. Ein reuiger Millionär, der seinen Anteil fordert. Ein Politiker, der die Sätze, die er erhöht, mit denselben Lippen vorträgt, mit denen er die Sätze, die er kürzt, als notwendig verteidigt. Eine Öffentlichkeit, die zusieht wie ein Publikum im Varieté und applaudieren darf, solange der Eintritt frei bleibt und das Ende der Vorstellung ungewiss ist.

Die Handschuhe trägt man bei solchen Vorstellungen sowieso. Man fasst die Dinge ja nicht gerne mit bloßen Händen an. Sie könnten schmutzig werden. Sie sind es meistens schon.

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