Verschoben, vertagt, vertröstet — Londons Verteidigung im Wartemodus
Es gibt Sätze, die klingen wie ein Versprechen und gemeint sind wie ein Aufschub. So einer fiel diese Woche in Westminster, als Andy Burnham, Bürgermeister von Greater Manchester und ein Mann, der einmal Premierminister werden wollte, ankündigte, die für das Frühjahr erwartete Überprüfung der Verteidigungsausgaben auf den Herbst zu verschieben. Die Begründung war die übliche: Zeitbedarf, Komplexität, Reife. Tory-Verteidigungssprecher James Cartlidge nannte es beim Namen. „Once again Andy Burnham is kicking the tough decisions facing our country into the long grass", sagte er, und fügte einen Satz hinzu, der in der britischen Politik inzwischen wie ein Refrain klingt: „It feels like deja vu: Burnham's dithering and delaying is no different from Starmer's prevarication over the DIP." Die Übersetzung ins Deutsche ist überflüssig; jeder, der die Downing Street beobachtet, versteht sie auch ohne Wörterbuch.
Kemi Badenoch, Oppositionsführerin, sprach von Dithering — einem englischen Wort, das zwischen Zögern und Schwanken liegt und für das die deutsche Sprache nur ungenaue Übersetzungen kennt. Sie sprach von einem Land, das sich einrichte in der Pose der Bereitschaft, während die Bereitschaft selbst auf die lange Bank geschoben werde. Ein Historiker, dessen Worte schwerer wiegen als sein Titel, sagte, was seit Monaten in den Thinktanks, den Ausschusssälen und den Redaktionen geflüstert wird: Großbritannien müsse sich auf den Krieg vorbereiten. Nicht auf einen möglichen, nicht auf einen fernen — auf einen, dessen Schatten bereits über dem Kontinent liegt.
Die Verschiebung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Geographie des britischen Militärs prekärer kaum sein könnte. Von allen europäischen Streitkräften ist die britische am stärksten nach Übersee ausgerichtet. Die Verpflichtungen reichen von der Nordatlantik-Route bis zur Indopazifik-Kette, von den Basen auf Zypern bis zu den Übungsplätzen in Kenia, von der nuklearen Abschreckung bis zur Cyber-Kooperation mit Canberra und Washington. Das war einmal ein Argument für Größe; heute ist es ein Argument für Überdehnung. Denn während die Fregatten in der Südchinesischen See patrouillieren, fragt man sich in Whitehall, was übrig bleibt, wenn die Heimat selbst zur Front wird.
Hier öffnet sich der Spalt, durch den man auf das Kartenhaus blickt. Die Regierung, die das Frühjahr als Zielmarke genannt hatte, schiebt die Spending Review in den Herbst — jenen Herbst, in dem auch die Frage virulent werden dürfte, ob und wie Großbritannien wieder näher an die Europäische Union heranrückt. Eine pro-Brüsseler Gruppe argumentiert derzeit, die Insel solle im Zuge der geplanten „Made in Europe"-Gesetzgebung faktisch als einer der siebenundzwanzig Mitgliedstaaten gezählt werden. Stellantis und Renault, zwei Namen, die für sich genommen ganze Industrielandschaften beschreiben, sollen sich dafür ausgesprochen haben, britische Produkte in den Schutzschirm der europäischen Autoindustrie einzubeziehen. Es ist, als würde man bei laufendem Konzert den Saal wechseln.
Man muss kein Prophet sein, um die Linie zu erkennen: eine Regierung, die ihre eigene Rüstungsüberprüfung nicht termingerecht vorlegen kann, soll gleichzeitig über die Geschwindigkeit einer Rückkehr in die EU mitentscheiden, die militärische, industrielle und finanzielle Architektur des Landes neu ordnen würde. Was im Frühjahr noch als Rechenaufgabe daherkam, wird im Herbst zur Verfassungsfrage. Die Verschiebung ist keine Verzögerung im üblichen Sinn. Sie ist ein Atemholen vor dem Sprung — oder vor dem Stolpern.
Es gibt ein historisches Echo, das in diesen Tagen besonders laut klingt. Wer die Lage Londons mit dem Jahr 2007 vergleicht, findet Parallelen, die beinahe unheimlich sind. Damals stand Gordon Brown bereit, eine Wahl auszurufen; George Osborne versprach, die Erbschaftsteuer zu senken, und die Konservativen gewannen an Profil. Die Frage heute ist nicht, ob Kemi Badenoch an Profil gewinnt — die Umfragen, so notiert es die LBC, deuten in eine Richtung, die ihrer Partei Hoffnung macht. Die Frage ist, ob die Konservativen bereit sind für eine Wahl, die früher kommen könnte, als der Kalender vorsieht. Und ob die Regierung bereit ist, dem Land zu sagen, was sie ihm schuldet: Klarheit über die Bedrohung, Klarheit über die Mittel, Klarheit über die Zeit.
Die Verschiebung der Spending Review ist das eine. Die Verschiebung der Klarheit ist das andere. Beide fallen in dieselbe Woche. Beide fallen in denselben Herbst. Und während Historiker zur Kriegstüchtigkeit mahnen, sitzt ein Bürgermeister mit Ambitionen, eine Premierministerin mit Geduld, und ein Kontinent, der die Briten braucht — aber nicht um jeden Preis.
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