Sieben Namen, ein Schrank, ein gesperrtes Semester
Jemand bestellt Stahl. Das bedeutet immer dasselbe. Das war 1937. Heute wird anderes bestellt — aber das Muster ist dasselbe. Jemand bestellt, jemand liefert, und irgendwann fragt niemand mehr, wer was bestellt hat. So fängt das an. So endet das meistens auch.
Cornell University hat alle Sozialveranstaltungen der Bruderschaften für den Rest des akademischen Jahres ausgesetzt. Begründung der Universität: der öffentliche Aufschrei nach einer mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung. Die Anordnung ist die bislang schärfste Reaktion der Universitätsleitung auf eine Zivilklage, die eine ehemalige Studentin im Grundstudium eingereicht hat. Die sieben Beschuldigten sind der Öffentlichkeit inzwischen namentlich bekannt.
Folgendes steht im Raum — und zwar in dieser Reihenfolge, weil die Reihenfolge hier etwas bedeutet.
Die Klägerin, in den Akten Jane Doe, wirft sieben Mitgliedern einer Cornell-Bruderschaft vor, sie in einer einzigen Nacht in einem Schrank mehrfach sexuell angegriffen zu haben, während sie wiederholt das Bewusstsein verlor. Das steht so in den Gerichtsunterlagen. Dieselbe Frau hat laut Medienberichten im Internet über eine vermeintliche Mitgliedschaft in einer "Gang" geschrieben. Sie hat sich nach eigener Aussage, dokumentiert in Online-Posts, als "sex doll" bezeichnet. Eine Frau hat ein Video aufgenommen, in dem sie mit ihrem kleinen Sohn über den Fall spricht — als eine Art Erklärung, wie man einem Kind etwas Schlimmes beibringt.
Diese Details stehen im Raum. Sie entkräften eine Anzeige nicht. Sie sind der Grund, warum die Öffentlichkeit sich nicht einig ist, was sie davon halten soll.
Auf der anderen Seite: Einer der Beschuldigten, einer der "Cornell 7", hat ausgesagt, er sei in derselben Nacht so betrunken gewesen, dass er nicht in eine sexuelle Handlung habe einwilligen können. Andere Beteiligte und Zeugen bestreiten diese Darstellung. Er wehrt die Vorwürfe also nicht durch ein "Ich war es nicht" ab, sondern durch ein "Ich war zu gar nichts in der Lage". Zwei Versionen, ein Schrank, einander widersprechend. Sie sagt, sie war bewusstlos. Er sagt, er war hinüber. Beide können im klassischen Sinne nicht eingewilligt haben. Beide berufen sich darauf.
Der Anwalt der Klägerin hat erklärt, seine Mandantin sei "nicht gut drauf" — als Reaktion auf koordinierte Versuche im Internet, ihre Identität aufzudecken. Digitale Indizienjagd. Profile, Foren, Tiefenrecherche, alles öffentlich. Wenn Sie wissen wollen, wie digitale Lynchjustiz im einundzwanzigsten Jahrhundert aussieht: Sie hat ungefähr diese Form.
Der Fall ist inzwischen keine reine Strafanzeige mehr. Er ist Knotenpunkt einer Debatte, die größer ist als er selbst — über Online-Pornografie, über die Ideologie einer "sex-positiven" Linken, über die Frage, was Konsens im Zustand schwerer Trunkenheit überhaupt bedeuten kann. Konservative Kommentatoren verweisen auf den Fall als Beleg für die Folgen sexueller Freizügigkeit. Progressive Kommentatoren verweisen auf ihn als Beleg für die Straflosigkeit privilegierter Männer. Beide Seiten benutzen ihn. Beide Seiten haben ein Interesse daran, dass er nicht zur Ruhe kommt.
Fünf Studentenjournalisten der Cornell Daily Sun haben die Namen der sieben Beschuldigten recherchiert und veröffentlicht — gegen den üblichen Reflex, solche Fälle an einer Ivy-League-Universität unter Verschluss zu halten. Die New York Times hat später nachgezeichnet, wie die Klägerin Monate nach der Tat ihren Mitbewohnerinnen von der Nacht erzählte, ohne sich selbst als Vergewaltigungsopfer zu bezeichnen — und wie sie in den Tagen danach noch freundliche Textnachrichten mit Männern austauschte, die sie später anzeigen würde. Beides steht in der NYT-Recherche. Es entkräftet die Anzeige nicht. Es erklärt aber, warum Geschworene und Richter später nicht nur eine Nacht werden beurteilen müssen, sondern ein ganzes Jahr danach.
Mariska Hargitay, Schauspielerin und Gründerin der Stiftung Joyful Heart, hat in einem gemeinsamen Statement erklärt, Cornell habe es versäumt, seine Studentinnen zu schützen. Der Schauspieler Hudson Williams hat die Verhaftung der sieben Männer gefordert, öffentlich. Beide Positionen sind dokumentiert, beide beziehen Stellung.
Was bleibt, ist folgende Rechnung: eine suspendierte Partykultur, eine Klägerin, deren Identität im Netz gejagt wird, sieben Beschuldigte mit bekannten Namen, ein Schrank, der zum Synonym geworden ist, und eine Universität, die einen Sachverhalt zu ordnen versucht, der längst nicht mehr in ihren Händen liegt.
Ich habe in zwei Kriegen gelernt, wozu Stahl bestellt wird. Wenn jemand bestellt, glaubt er, ihn zu brauchen. Was er damit anrichtet, steht selten auf dem Bestellschein.
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