Der Garibaldi-Komplex: Wie Italien altes Blech verschenkt
41 Jahre auf dem Buckel, 54 Millionen Euro auf dem Papier, und eine Reise, die mehr über die Geografie der Macht verrät als jeder noch so klug formulierte Vertrag. Italiens Flugzeugträger Giuseppe Garibaldi hat sein Ziel erreicht: Indonesien. Ein Geschenk, sagen die Diplomaten in Rom und Jakarta. Ein Abladegeschäft, sagen die Bilanzen, wenn man ehrlich nachschaut.
Die Giuseppe Garibaldi, im Jahr 1985 in Dienst gestellt, war über vier Jahrzehnte hinweg das älteste aktive Schlachtschiff der italienischen Marine — und das erste italienische Schiff, das überhaupt Strahlflugzeuge an Bord trug. Eine kleine historische Notiz am Rande, die in den Pressemitteilungen aus Rom gern unterschlagen wird. Jetzt fährt sie unter indonesischer Flagge. Was nach großzügiger Geste klingt, ist in Wahrheit das Eingeständnis einer Rechnung, die nicht mehr aufgeht. 54 Millionen Euro hat Rom dem Schiff offiziell zugeschrieben — der Buchwert eines Vierzigjährigen, der sich am Markt messen lassen muss, ob er will oder nicht. Niemand will. Die Rechnung wird trotzdem bezahlt.
Es gibt einen Haken bei der Übergabe. Es gibt immer einen Haken, wenn ein reiches Land einem aufstrebenden Land ein Schlachtschiff schenkt.
Die Garibaldi machte auf ihrer Reise Station in Safaga in Ägypten und in Colombo auf Sri Lanka. Im Roten Meer begleiteten italienische Kriegsschiffe den Verband über einen Teil der Strecke. Was nach einer Höflichkeit der Marine aussieht, ist in Wahrheit die Begleitung eines wertvollen Frachtstücks durch Gewässer, in denen italienische Interessen gerade auf wackligen Beinen stehen. Ein Urteil gegen ägyptische Beamte gefährdet diese Interessen — und ausgerechnet jetzt schickt Rom ein Schlachtschiff durch genau jene Gewässer, als Beweis der Präsenz, als Eintrittskarte in die Häfen, als Argument in den Verhandlungssälen von Kairo bis Jakarta. Die Botschaft lautet: Wir sind noch da. Wir liefern noch. Vergesst das nicht.
Das ist die Sprache der Banken, übersetzt in die Sprache der Straße: Italien verschenkt kein Schiff. Italien verschiebt eine Rechnung. Die Betriebskosten, die Schulung der Besatzung, die Lieferung von Ersatzteilen, die Wartung der Turbinen, Treibstoff und Munition — all das bleibt. Es ist das Geschäft mit dem Geschenk, das jeder kennt, der schon einmal einem Mann in Nadelstreifen die Hand geschüttelt hat. Man überlässt das Aquarium und verkauft das Futter. Zehn Jahre, vielleicht fünfzehn, und die Rechnung kommt nachgereicht — mit Zinsen, versteht sich.
Während in Berlin die Bundesregierung mit 1,3 Prozent Wachstum rechnet und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche auf Reformen drängt, hält der Aufschwung, wie man uns sagt, nur zwei Jahre. Zwei Jahre. Die Garibaldi ist 41 Jahre alt und hat damit länger durchgehalten als jede Konjunkturprognose, die in Berliner Amtsstuben auf Hochglanzpapier ausgedruckt wird. Die Italiener verstehen etwas vom Verschrotten alter Strukturen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Sie exportieren das Wrack, bevor der Wertverlust im eigenen Hafen sichtbar wird. Hierzulande nennt man das Verantwortung. In Rom nennt man es Außenpolitik.
Italien hat begriffen, was die Bundesrepublik offenbar noch lernen muss: Alte Schiffe kann man exportieren. Alte Rezepte nicht. Die Betriebskosten des Trägers wandern mit dem Schiff über die Weltmeere. Italienische Techniker werden gebraucht, italienische Ersatzteile werden nachgefragt, italienische Häfen werden angelaufen, italienische Berater sitzen mit am Tisch, wenn es um die künftige Modernisierung der indonesischen Flotte geht. Das Geschenk ist der Köder. Die Rechnung kommt später — verlässlich, wie die Gezeiten.
In Jakarta wird man die Garibaldi in die Flotte aufnehmen. Indonesiens Marine bekommt ein Schlachtschiff, das älter ist als die meisten seiner Matrosen, ein Denkmal aus Stahl für eine Zeit, in der Flugzeugträger noch nach Holz und Teer rochen. Was Rom nicht mitliefert, ist eine Gebrauchsanweisung für jene Welt, in der solche Geschenke noch etwas anderes sind als Buchhaltung mit Salzwasser.
Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Sie waren es 1937 nicht, und sie sind es heute nicht. Das war nie ein Versehen, und es wird auch in Zukunft keines sein. Wer in Nadelstreifen das Geschenk überreicht, hat die Quittung längst in der Tasche. Man muss nur wissen, wo man nachschaut.
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