Lachs im Hühnerfutter: Die stille Kapitulation einer Industrie
Eine schottische Farm, ein norwegisches Labor, ein tasmanischer Erlass. Was man nicht liest. Was man liest, ist das Ende einer stillen Verabredung zwischen Mensch und Tier.
Schottlands Lachsfarmwirtschaft gilt, gemessen am Bruttowert, nach Öl und Gas als zweitgrößter Posten der regionalen Wertschöpfung. Man lese das noch einmal: Öl und Gas. Was vor Jahrzehnten als kulinarischer Sonntagsbraten galt und darüber hinaus eine gewisse Erzählkraft besaß, ist heute ein Bilanzposten. Bilanzposten werden gefüttert, was die Rechnung verlangt.
Und die Rechnung verlangt neuerdings mehr. Eine Branche, die für ihren Preis einst mit Reinheit warb, sieht sich konfrontiert mit einer schlichten Mechanik: steigende Kosten, gedrückte Margen, ein Kunde, der nicht mehr zahlt, was er zahlte. Fischmehl, einst der Inbegriff des maritimen Versprechens, wurde teurer. Die Antwort der Industrie auf den Preisanstieg bei Fischmehl: Huhn.
Geflügelnebenprodukte, nennt das die Branche, weil Begriffe aus der Buchhaltung nicht nach Stall riechen dürfen. Federmehl, Schlachtabfälle, was die Geflügelindustrie nicht in ihre Dose bekommt. Es wandert ins Pellet, dann ins Becken, dann, einige Monate später, ins Filet. Lachs, der Huhn isst, weil Fischmehl zu teuer wurde. Eine Eskalationsleiter, die keine Plakatwand braucht.
Dass der Lachs, einst der aristokratische Speisefisch, sein Futter heute aus einer Quelle bezieht, die selbst am Haken der Logik hängt, ist jene Ironie, die kein Feuilleton zu schärfen braucht. Huhn füttert Fisch füttert Mensch. Die Pyramide steht auf dem Kopf, aber es stürzt niemand.
Parallel, in den Becken Norwegens, läuft ein anderer Versuch der Buchführung. Eine Rapsölsaat namens NS-B50027-4, gentechnisch verändert, gezielt gezüchtet als landbasierte Quelle jener langkettigen Fettsäuren, die sonst aus dem Meer kommen. Umweltfreundlich, sagen die norwegischen Behörden, weil das Fischöl ersetzt wird, das sonst die Weltmeere leerräumen müsste. Ein Trostpreis, der das Wort „Fischöl" nicht aus der Rechnung streicht. Nur aus dem Fisch.
Schottland wiederum kämpft mit einer anderen Mechanik. Die Bürokratie nach dem Brexit: Zollcodes, Veterinärzertifikate, Wartezeit an der Grenze. Millionen, sagen Branchenvertreter, ohne die Zahl zu präzisieren, weil vage Summen in Zeitungen weniger weh tun als konkrete. Eine Industrie, die vom Zeitfenster lebt, kann keine Tage verlieren an Papier. Sie verliert sie trotzdem.
Dann Tasmanien, auf der anderen Seite der Welt. Tassal, australischer Produzent, kündigt an, seinen Bestand mit Antibiotika zu behandeln. Nicht mehr über das Futter, wie im vergangenen Sommer, als Florfenicol umstritten mit dem Lachsfutter ins Wasser gestreut wurde. Nun Injektion. Frühzeitig, sagt das Unternehmen, um den Ausbruch von Krankheiten zu begrenzen. Wer injiziert, bevor das Tier sichtbar erkrankt, gibt eine Diagnose auf, bevor er sie gestellt hat. Es ist die Logik einer Versicherung, nicht die einer Therapie.
Die Branche spricht von Tierwohl. Die Bilanz spricht von Kosten. Wenn ein Unternehmen sein Futter wechselt, weil das alte zu teuer wurde, ist das Management. Wenn es seine Tiere injiziert, bevor sie krank sind, ist das Prävention. Beides kann stimmen. Beides gleichzeitig zu glauben, fällt schwer.
Der Verbraucher steht in der Schlange und sieht nur das Filet. Es glänzt. Es ist gleich rosa. Es riecht gleich. Es kostet gleich. Was er nicht sieht, ist die Kette, die es gekostet hat. Eine Industrie, die aufgehört hat, ihr Futter zu rechtfertigen, hat aufgehört, sich zu rechtfertigen.
Man muss das nicht als Skandal erzählen. Eine Zeitung, die noch erscheint, darf es als Rechnung erzählen. Der Lachs ist gleich geblieben. Nur sein Abendessen nicht. Wir kommen darauf zurück. Bis dahin essen Sie mit der üblichen Vorsicht, die Sie sich vornehmen, wenn Sie Zeitungen lesen, die Ihnen die Wahrheit nicht schulden, weil sie zu viel kostet.
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