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Terminal Tribune

15. Oktober 2026

Dossier · Rüstung & Sicherheit

Marokkos lügende Mauern brechen

15. Oktober 2026 — — Hagen, Oberstleutnant a.D.

Oder besser: Sie brechen nicht. Sie stehen. Wie seit Jahren. Wer in Rabat nachfragt, bekommt eine gepflegte Antwort über nationale Souveränität und die berechtigte Sorge um innere Sicherheit. Pegasus? Nicht bestellt. NSO Group? Israelis mögen gut programmieren, aber wir kaufen nicht bei denen.

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So spricht ein Staat, der belogen wird oder belogen hat. Die Wahrheit liegt — wie immer — bei denen, die es wissen müssen.

Ein ehemaliger Offizier des marokkanischen Geheimdienstes hat das Schweigen gebrochen. Im Rahmen internationaler Projekte unter dem Namen Pegasus hat dieser Mann seinem früheren Dienstherrn vorgeworfen, was dieser nie zugeben wird. Marokko, so seine Aussage, habe die Spähsoftware ab dem Jahr 2017 eingesetzt. Nicht als Spielzeug. Nicht zur Krim. Als System.

Intern. Extern. Gegen Journalisten. Gegen Opposition. Gegen kritische Stimmen. Auch gegen französische Politiker — innerhalb Marokkos wie außerhalb. Präsident Emmanuel Macron selbst fand sich auf einer Liste wieder. Die Vorwürfe wiegen schwer, weil sie aus einer Quelle stammen, die das operative Geschäft aus der Nähe kannte.

Aber genau hier beginnt journalistische Sorgfalt.

Eine Quelle. Ein Mann. Ein Mann mit den richtigen Zugängen zur richtigen Zeit.

Das ist Belastung, kein Beweis. Was der Mann aussagt, muss gegen die Faktenlage gehalten werden, gegen die offiziellen Stellungnahmen, gegen die technischen Möglichkeiten. Bisher widerspricht die technische Plausibilität den marokkanischen Dementis nicht — im Gegenteil. Die NSO Group aus Israel verkauft Pegasus als Produkt, das Mobiltelefone unter iOS und Android kompromittiert. Mails. Messenger-Nachrichten. SMS. Telefonate. Standortdaten. Kontakte. Fotos. Videos. Kamera. Mikrofon. Wer Pegasus hat, hat Pegasus im Haus. Die Frage ist nicht ob. Die Frage ist wer, wann, wie oft.

Und dann kam Warschau.

Polens Generalstaatsanwaltschaft hat in dieser Woche einen Befund veröffentlicht, der die Dimension des Geschäfts offenlegt. Gemeinsam mit der forensischen Abteilung des Inlandsgeheimdienstes ABW bestätigten die Ermittler, was viele vermutet, aber niemand offiziell gesagt hatte. Die Daten, die polnische Behörden mit Pegasus von Handys abgegriffen haben, wurden nicht in Polen geparkt. Sie wurden herausgespielt. Sie waren für den Hersteller erreichbar — für die NSO Group.

Ministerpräsident Donald Tusk spricht vom größten Skandal in der polnischen Geschichte seit dem Fall des Kommunismus. Wer Tusk kennt, weiß: Der Mann übertreibt nicht gern. Er legt nach. Sein Kernsatz: Es sei jenseits allen Zweifels, dass die NSO Group mit israelischen Geheimdiensten kooperiere.

Lassen wir das einen Moment stehen.

Ein ausländischer Hersteller verkauft einem Land ein Produkt, das im Innersten Souveränität bedeutet — Zugang zu Privatleben, Opposition, Kanzleien, Schlafzimmern. Im selben Atemzug hat der Hersteller Zugriff auf die abfließenden Daten. Der Käufer glaubt, er kaufe ein Werkzeug. In Wahrheit kauft er eine Drohung mit Verfallsangabe. Sagt der Hersteller: morgen gehört die Datenleitung einem anderen.

Polen hat Pegasus 2017 unter der nationalkonservativen PiS-Regierung beschafft. Hunderte Ziele wurden ausgeleuchtet. Politische Gegner der PiS. Der damalige Wahlkampfmanager Tusk's. Familienangehörige Tusk's. PiS hat das als Werkzeug der Kriminalitätsbekämpfung gerahmt. Das Gericht heißt: richterliche Genehmigung. Das Parlament heißt: nationale Sicherheit. Das Volk heißt: nichts.

Als Tusk nach der Wahl 2023 an die Macht kam, wurden die Untersuchungen aufgenommen. Der jetzige Befund ist das Ergebnis forensischer Analyse. Er ist technisch. Er ist sauber. Er ist eine Bombe.

Was bedeutet das für Rabat?

Hier beginnt der eigentlich heiße Teil der Frage. Rabat bestreitet. Rabat bestreitet seit Jahren, mit der Routine einer Maschine. Nun sagt ein Ex-Offizier: gelogen. Rabat sagt: wir haben Pegasus nie eingesetzt.

Was, wenn Rabat die Wahrheit sagt? Dann müssten alle anderen lügen — die Rechercheprojekte, der Ex-Offizier, die Spuren in den Telefonen der Betroffenen. Das ist möglich. Es ist dünn.

Was, wenn Rabat lügt? Dann sitzen Menschen, die in Marokko geschrieben, recherchiert, oppositionell gearbeitet haben, in einer Matrix, deren Fäden nach Israel laufen. Journalisten. Anwälte. Kritiker. Französische Abgeordnete. Der Präsident der Republik selbst stand auf einer Liste.

Eine Quelle ist eine Quelle. Sie wiegt viel, wenn die technische Plausibilität sie stützt, wenn die Korruption der offiziellen Linie dokumentiert ist, wenn die Reichweite der Vorwürfe zu den dokumentierten Pegasus-Fähigkeiten passt. Hier passt sie. Aber der Stempel bestätigt gehört noch nicht auf jede Akte. Der Stempel plausibel und nicht widerlegt gehört auf viele.

Was bleibt, ist die größere Frage, die Warschau aufgeworfen hat und die Rabat nicht beantworten wird. Wenn der Hersteller Zugang zu den Daten hat, die ein Käufer erhebt — dann ist Pegasus kein Werkzeug des Käufers. Dann ist Pegasus ein Werkzeug des Herstellers, das der Käufer mietet. Und dann ist die Karte der Pegasus-Kunden, die seit Jahren auf Konferenzen herumgereicht wird, eine Karte der Länder, deren Geheimnisse in Herzliya liegen.

Marokko sagt nein. Polen sagt ja. Israel sagt nichts.

1937 hat jemand Stahl bestellt. Das bedeutete immer dasselbe.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Ein ehemaliger mauritischer Geheimdienstbeamter behauptet, das Pegasus-Spyware sei von Marokko eingesetzt worden

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZAHL Daten von polnischen Behörden, die mit Pegasus erfasst wurden, waren dem israelischen Hersteller zugänglich

    „Data harvested from mobile phones by the Polish authorities using Pegasus spyware were transmitted outside Poland and were accessible to the tool’s Israeli producer, Polish prosecutors have revealed as part of an investigation into the use of Pegasus under the former government.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZAHL Die israelische Werbeagentur Discover-Tech spionierte über ein Netzwerk online von Internetnutzern

    „Israeli firm Discover-Tech used online ads to spy on users and help hack devices, researchers said.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  4. DATUM Ab 2017

    „In 2017, Poland, under the government of the national-conservative Law and Justice (PiS) party, purchased Pegasus from NSO.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  5. ZITAT Das System wurde verwendet, um Opponenten, Journalisten und kritische Stimmen, einschließlich französischer Politiker, zu überwachen

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

3 Quellen · 3 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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