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15. Oktober 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Die Geister, die der Rationalist rief

15. Oktober 2026 — — Prof. Kessler

1937 ist Vergangenheit. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen zum Mars fliegen und gleichzeitig glauben, dass Tote ihnen Nachrichten senden. Wer die Fakten sortiert, wird misstrauisch. Wer die Fakten sortiert und trotzdem an Geister glaubt, wird Gegenstand dieser Kolumne.

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Fast die Hälfte der Kanadier glaubt an paranormale Phänomene. Ich wiederhole: fast die Hälfte. In einem Land, das Impfstoffe entwickelt, Klimadaten misst und sich rühmt, evidenzbasiert zu regieren. Die Grafik, die Yahoo News aufgreift, zeigt einen Berg von Zustimmung – Geister, Schicksal, Telepathie –, der jede aufgeklärte Selbstbeschreibung Lügen straft.

Doch damit nicht genug der Merkwürdigkeiten. Eine Studie, veröffentlicht im Juli 2026 im Fachblatt Social Forces, hat 1.812 Amerikaner befragt – repräsentativ, Gallup-gewichtet, methodisch solide, soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann. Ruiqian Li von der American University und ihre Mitautoren konstruierten einen Index namens „Secular Rationalism": Menschen, die Wissenschaft als einzigen Weg zur Welterklärung annehmen und Moral auf Vernunft statt auf religiöse Lehre gründen wollen.

Was sie fanden, klingt wie ein Witz ohne Pointe: Wer auf diesem Index hoch punktet UND gleichzeitig an Gott glaubt oder Gottesdienste besucht, glaubt mit größerer Wahrscheinlichkeit an Magie als jene, die rationalistisch UND unreligiös sind. Konkret: 40 Prozent der gläubigen Rationalisten tendieren zur Magie, gegenüber 19 Prozent der gläubigen Anti-Rationalisten. Bei regelmäßigen Gottesdienstbesuchern: 28 zu 19.

Die Logik – oder das, was an ihre Stelle tritt – ist verblüffend. Wer der institutionellen Religion misstraut, aber nicht dem Übernatürlichen an sich, scheint sich die Geister selbst zu importieren. Sechs Kategorien standen zur Wahl: Geister, Flüche, das Sprechen mit den Toten – ein Reigen, der keiner Kirche bedarf.

Hier öffnet sich die erste methodische Naht. Eine einzige Welle einer einzigen Umfrage, verarbeitet von einem einzigen Forscherteam. Die Baylor Religion Survey ist ein seriöses Instrument, doch der gemessene Effekt ist klein genug, um von Stichproben-Schwankungen, Frageformulierungen oder kulturellen Eigentümlichkeiten verzerrt zu werden. Li liefert keine Kausalanalyse – nur Korrelation. Der Leser, der mehr will, bekommt weniger.

Nun zum empfindlicheren Teil: dem Geschlecht. Eine separate Analyse, referiert von PsyPost, zeigt, dass Frauen häufiger an Geister, Schicksal und Karma glauben als Männer. Der Mechanismus, den die Forscherin Ward vorschlägt, ist bemerkenswert nüchtern: Frauen vertrauen stärker ihrer Intuition. Intuition wird zur Brücke zwischen Wissen und Wahn.

Und hier kommt der Pfeifenqualm ins Spiel. Die Wissenschaftsdatenbank ScienceDirect listet zahlreiche Studien, die stressbedingte Zustände – Angst, Depression, chronische Erschöpfung – mit erhöhter Anfälligkeit für paranormale Überzeugungen verknüpfen. Nicht als Beweis für Geister. Sondern als Beweis dafür, dass das Gehirn unter Belastung Muster sieht, wo keine sind. Intuition unter Druck wird zur Halluzination. Glaube wird zum Schmerzmittel.

Die Verbindung, die sich abzeichnet, ist also keine spirituelle. Sie ist pathophysiologisch. Wer unter Angst und Depression leidet, sucht Muster. Wer Muster sucht, findet sie – in Wolken, in alten Häusern, in den Toten. Wer der Wissenschaft vertraut und trotzdem an Geister glaubt, zeigt nicht die Schwäche der Vernunft. Er zeigt die Hartnäckigkeit eines uralten Bewältigungsmechanismus, der in der Not die Tür öffnet, die die Ratio verschlossen hält.

Was also tun mit der Zahl 40? Sie ernst nehmen, aber nicht als Eingeständnis des Versagens der Aufklärung. Sondern als Landkarte eines Landes, das wir kaum kennen. Eine einzige Umfrage reicht nicht. Die kanadischen Zahlen sind nicht identisch mit den amerikanischen. Die psychologischen Mechanismen sind plausibel, aber in dieser Studie nicht direkt gemessen.

Was bleibt, ist ein Volk, das die Sterne vermisst und die Schatten befragt. Fragt sich nur: Vertreibt die Vernunft die Geister – oder lehrt sie uns nur, höflicher mit ihnen umzugehen?

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 0 von 1 Behauptung belegt
  1. ZAHL almost half of Canadians believe in the existence of paranormal phenomena

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 1 prüfbare Behauptung

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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