Wenn Sibirien hustet: Pathogene, Panik und Portfolios
Die Sprache der Bazillen ist universell. Sie braucht keinen Übersetzer, keinen Anwalt und keinen Wirtschaftsberater. Sie braucht nur einen Wirt.
Als in diesem Monat ein junger Laborarbeiter in Sibirien an einer mysteriösen Form der Lungenentzündung starb, drehten sich die Spekulationen rasch um seinen Arbeitsplatz. In die Hospitäler strömten die Patienten. Mit jedem Krankenwagen kamen Menschen, die Blut husteten und Schaum vor dem Mund hatten. So steht es in den Berichten. So steht es nun in dieser Spalte.
Die Anlage, in der der Tote zuletzt arbeitete, gehört zur Kategorie der Institute, die auf keinem offiziellen Registerbogen stehen. Es sind die Häuser, in denen Pathogene nicht zu Heilzwecken katalogisiert werden, sondern weil jemand sie für nützlich hält. Russland hat in dieser Kategorie eine dokumentierte Geschichte. Das ist keine Mutmaßung, das sind Archive, die seit 1992 offenliegen.
Compound 19 hieß einst eine solche Anlage in Swerdlowsk. Im April 1979 entwichen aus einem nicht ordnungsgemäß wieder eingebauten Filter einer Militärmikrobiologie-Einrichtung Aerosole von Bacillus anthracis. Die Sowjets erklärten den Menschen, die an Milzbrand starben, sie hätten verdorbenes Fleisch gegessen. Es dauerte ein Jahrzehnt, bis Boris Jelzin eingestand, dass die Fleischgeschichte nicht stimmte. Der Vorfall wurde das biologische Tschernobyl.
Nun also ein neues Kapitel. Das Anti-Pest-Institut in Irkutsk, an dem der verstorbene Forscher tätig war, ist genau jene Art von Einrichtung, in der ein Filter zur Todesursache werden kann. Ob konstruierter Erreger, ob natürlich erworbene Infektion, ob simples Versagen — das ist medizinisch zu klären. Aber es ist auch finanzpolitisch zu lesen.
Denn während die Ärzte um ihre Patienten kämpfen, sitzen die Händler an ihren Tischen und rechnen. Das ist kein Zynismus meinerseits, das ist die Mechanik der Märkte. Ein Pathogen kennt keine Zollmauern. Wenn eine Regierung "Lebensmittelvergiftung" sagt, während die Hospitäler überquellen, beginnt an den Rohstoffmärkten ein Beben, das in keinem Lehrbuch steht. Weizen, Reis, Futtermittel, alles was über Landgrenzen geht, wird plötzlich neu bewertet. Die Versicherungsmathematiker werden um Mitternacht aus dem Bett geklingelt. Sie verlangen nach Daten, die niemand herausrückt.
Im April 1979 wussten die Moskauer Deviskenhändler, was vor sich ging, drei Tage bevor die Welt es erfuhr. Die Kurse reagierten entsprechend. Die Vektoren sind heute schneller. Ein Charterflug, ein Container, ein Passagier, der niest — das ist der heutige Übertragungsweg. Die wirtschaftliche Inkubationszeit ist noch kürzer als die medizinische.
Die Männer in den Nadelstreifen, die mir sonst erklären, warum der Gürtel enger muss, schweigen derzeit auffallend. Vielleicht rechnen sie nach. Vielleicht warten sie auf eine Pressekonferenz, die das Problem in ihre Sprache übersetzt: Risikoklasse, Verlustabschätzung, Exposure. Ich wette, sie warten auf ein Wort aus einem Büro, dessen Adresse auf keinem Briefkopf steht.
Was ich weiß: Ein Mensch ist tot. Mehrere sind krank. Die Diagnose ist offen. Die Anlage ist sensitiv. Russlands Behörden haben, historisch belegt, ein wiederholtes Interesse daran gezeigt, derartige Vorfälle zunächst als Lebensmittelproblem zu deklarieren. Ob es heute so ist, werden die kommenden Wochen zeigen. Bis dahin operieren die Märkte im Nebel, und im Nebel wird bekanntlich alles teurer.
Was das für die Bilanzen bedeutet? Schwer zu sagen, wenn die Wahrheit selbst unter Quarantäne steht. Aber ich sage Ihnen, was ein Husten in Sibirien mit Ihrer Hypothek in Kansas zu tun hat: Alles. Denn der Rubel reagiert auf Pathogene nicht anders als auf Politik. Nur ehrlicher. Und früher.
In meiner Pfeife glimmt noch Tabak von gestern. Die Asche fällt langsam. So wie diese Geschichte.
❖ Ende des Artikels ❖
