Börse
Terminal Tribune

15. Oktober 2026

Dossier · Finanzen & Wirtschaft

0,4 Prozent vom Rekord — Meilen von der Wahrheit

15. Oktober 2026 — — E. Wolff

Vier Zehntelprozent. So nah liegt Wall Street an einem neuen Allzeithoch, und so weit ist es von jedem ehrlichen Grund entfernt, dort zu sein. Der S&P 500 hat am Montag vorgelegt, hat sich nach oben geschoben, während die Maschine im Hintergrund röchelte. Brent Crude fiel um 3,4 Prozent auf 100,34 Dollar pro Barrel. Die Zehnjahresrendite der US-Staatsanleihen gab nach, von 5,01 auf 4,95 Prozent. Man rief sich gegenseitig zu: Erleichterung. Rallye. Der beste Tag seit sechs Wochen.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Ich rauche meine Pfeife und übersetze.

Die Rendite fiel ein Sechstelprozent. Die Fakten dahinter: Die US-Staatsanleihen wurden in der Woche zuvor abgestoßen, dieser Bond-Sell-off schob die langen Enden auf ein neues Hoch seit 2004. Fünf Komma fünf Prozent auf lange Laufzeiten. Sieben Komma fünf Prozent auf Hypotheken. Das sind keine Zinssätze für ein gesundes Herz. Das sind Zinssätze für ein Herz, das zu pumpen aufgehört hat und trotzdem weiter Adern aufreißt.

Und dann sagen sie uns, die Renditen seien „nicht nahe daran", die überhitzte Wirtschaft abzukühlen. Ich notiere das in mein Notizbuch. Meine Hand zittert nicht, weil das kein Zittern wert ist. Das ist ein Urteil. Die rote, glühende US-Wirtschaft — wie sie sie nennen, diese Herren in den Konferenzräumen mit den Ledersesseln — wird nicht von Zinsen gezügelt, sondern von Zinsen getrieben. Wer 7,5 Prozent auf ein Haus zahlt, der kauft kein zweites. Wer 5,5 Prozent auf zehn Jahre Staatspapier bekommt, der fragt nicht mehr nach Dividenden. Die Zinskurve macht, was die Zinskurve macht: Sie presst die Luft aus jedem Raum, der noch nicht leer war.

Gestern noch hatte derselbe Markt „volatil reagiert". Die Renditen stiegen, das Öl stieg, die Stimmung sank. Heute sinkt das Öl — wegen Unsicherheit über die Gespräche zwischen den USA und dem Iran, diesem Golf von Hormus, durch den ein Fünftel des Welterdöls fließt und über den niemand redet, wenn die Kameras aus sind. Heute atmet Wall Street auf. Morgen weiß niemand, ob die Wasserstraße nach Teheran offen oder vermint ist. Die Volatilität ist nicht weg. Sie hat nur für eine Handelssitzung die Uniform gewechselt.

Ich sage es, wie man es auf der Straße sagt: Das ist kein Aufschwung. Das ist eine Atempause zwischen zwei Anfällen.

Schauen wir nach Tesla. Fünf Prozent Plus am Aktienkurs, ein „überraschendes Quartal", wie die Börsenbriefe jubilieren. Die Cybertruck-Verkäufe im freien Fall. Die einen kaufen das Papier. Die anderen fahren das Blech nicht. Das ist die Ungleichheit dieses Booms in einer Metapher: Oben steigt die Kurve, unten fällt das Produkt. Wer oben sitzt, feiert. Wer unten sitzt, hat das Auto bestellt und bereut.

Und dann das Landwirtschaftsministerium. Keine Ausbrüche, sagt das Ministerium. Weitverbreitete Ausbrüche, sagen die Farmer. Ich kenne diese Stimme. Es ist die Stimme eines Mannes, der seit Wochen tote Tiere im Stall hat und vom Amt hört, es sei alles in Ordnung. Das ist die Stimme des kleinen Mannes, der mit seiner Pfeife gegen Windmühlen spricht, während in Washington die Gläser klingen.

Vier Zehntelprozent vom Rekord. Ich habe 1929 zugesehen, wie die Kurve ein paar Prozent über dem stand, was vernünftig war, und wie die Herren in den Nadelstreifen den Gürtel enger stellten und den Rest der Welt erklärten, warum das gut sei. Achtundneunzig Jahre später stehe ich wieder vor derselben Tür. Dieselben Herren. Andere Anzüge, gleicher Schnitt. Dieselbe Sprache: „Die Fundamentaldaten sind solide." Dieselbe Musik, nur eine Note höher.

Die langen Enden der Kurve werden weiter steigen, sagen alle, die es wissen müssen. Das ist keine Vorhersage. Das ist ein Fahrplan. Eine Rallye, die auf fallenden Ölpreisen und einer Atempause bei den Renditen ruht, ist keine Rallye. Es ist ein Foto von einem Gebäude, kurz bevor es einstürzt. Und das Foto wird gerahmt und verkauft.

Ich nehme einen Zug aus der Pfeife. Die Glut glüht orange. Wie die Zahlen in meinem Notizbuch. Wie die Lichter an der Börse, die noch brennen.

Vier Zehntel. Das ist die Distanz zwischen dem, was Wall Street feiert, und dem, was Wall Street weiß. Ich schreibe diese Zahlen in mein Buch, weil Zahlen nicht lügen. Menschen lügen. Menschen in Nadelstreifen lügen besonders gern.

Ich bin Ezra Wolff, und ich rauche zu Ende.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Wall Street rallies innerhalb von 0,4% seines Rekordniveaus

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZAHL Bret Öl fällt kurzzeitig unter 98 US-Dollar pro Barrel

    im Titel der Quelle gefunden

  3. ZAHL Anleiherenditen des US-Staates waren nahe zweieinzigjährigen Höchstständen

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZAHL Long-Term Treasury yields stiegen auf 5,5%

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  5. ZAHL Hypothekenzinsen erreichten 7,5%

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 1 davon belegt · 4 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort