Meridian: 120 Tage, in denen Musk die Zukunft des Krieges entwirft
Quantico, Virginia. Der Ort riecht nach Ausbildung und Gewehröl, an diesem Abend besonders nach Geschichte. Pete Hegseth, 46, Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, steht vor Militärs und spricht von Eroberung. Nicht von Verteidigung. Von Eroberung. Die Wortwahl verrät den Mann, der seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 die Zahl der ranghöchsten Offiziere und ihre Planstellen um zwanzig Prozent reduziert und zahlreiche hochrangige Militärs ausgetauscht oder in den Ruhestand verabschiedet hat. Hegseth nennt es Effizienz und eine Stärkung der militärischen Fähigkeiten. Andere würden es einen Umbau nennen, der so schnell verlief, dass kaum jemand die Übergänge mitbekam.
Ziel sei es, sagte Hegseth, mit einem kreativen Blick in die Zukunft zu schauen, jene Bereiche zu identifizieren, die wir erobern müssen, und die Fähigkeiten, die wir beherrschen müssen. Es klingt wie eine Selbstinstruktion zur Disziplinierung. Es klingt auch wie eine Lizenz.
Das Projekt trägt den Namen Meridian. Es soll die Kriegsführung der kommenden Jahrzehnte erforschen und weiterentwickeln. Geleitet werden soll es — dies die Pointe der Veranstaltung — von einem Mann, der weder Offizier ist noch je einer war: Elon Musk, 55, Techmilliardär, Eigentümer von SpaceX und damit von Starlink, jenem Satellitennetz, das in der Ukraine längst Teil der Kriegslogistik ist und das die ukrainische Luftabwehr mit Daten versorgt.
Hegseth gab dem Vorhaben eine Frist: hundertzwanzig Tage. Danach sollen Ergebnisse vorliegen. Vorausschauend zu handeln nenne er das — ein Wort, das in Washington so häufig fällt wie es selten meint, was es sagt. Was vorausschauend heißt, wenn der Zeitrahmen kürzer ist als ein Praktikum, sagte Hegseth nicht.
Ein Schwerpunkt des Projekts: autonome Waffensysteme. Künstliche Intelligenz, die Aufgaben ohne direkten menschlichen Eingriff übernimmt und Angriffe ausführt. Was Hegseth KI und Robotik nennt, ist die Übergabe der letzten menschlichen Entscheidung über Leben und Tod an eine Maschine, deren Fehlerquote sich erst im Einsatz zeigt. Die Folgen stehen in keinem Aufgabenkatalog. Sie stehen in jedem Vertragsentwurf, den die Welt über autonome Waffen je verfasst hat — und den die Mächte, die ihn unterschrieben, am Ende doch wieder unterlaufen sind.
Project Meridian, so die offizielle Lesart, ist eine Studie über die Zukunft des Krieges. Geleitet wird sie gemeinsam von Musk und Hegseth. Eine Studie also, geleitet von einem Mann, der sein Vermögen auf Raketen, Elektroautos und eine Kommunikationsplattform gründete, die längst nicht mehr nur privat genutzt wird, gemeinsam mit einem Minister, der über eine andere Plattform seine Sichtbarkeit aufgebaut hat und sein Amt dem Vertrauen eines Präsidenten verdankt, der den Krieg in der Ukraine nach eigenem Bekunden am liebsten gestern beendet hätte — durch Abkommen, über deren Inhalt niemand Genaues weiß.
Die USA, sagte Hegseth, müssten ihre technologische und militärische Überlegenheit auf dem Schlachtfeld für die kommenden Jahrzehnte sichern. Das ist eine alte Formel, in Washington so abgewetzt wie die Auslegeware in den Fluren des Pentagons. Neu ist das Adressatenpaar: ein Ministerium und ein Milliardär, der mit Beschaffungsregeln ebenso wenig Berührung hatte wie mit Ethikkomitees.
Wer an diesem Abend in Quantico zuhörte, konnte auch das Ungesagte hören. Dass Starlink bereits heute faktisch Teil der Kriegslogistik ist. Dass jede Firma Musks Berührungspunkte zu Geheimdiensten und Waffensystemen hat. Dass Architekturen, die in Elektroautos das Fahren erleichtern, in Waffensystemen das Töten automatisieren können. All das gehört zur Vorgeschichte, die Hegseth an diesem Abend nicht erzählte. Es ist die Vorgeschichte, die in den Geschichtsbüchern stehen wird, sobald die ersten hundertzwanzig Tage um sind.
Bis dahin gilt in Washington, was immer gilt: die Technologie gibt das Tempo vor. Nicht die Ethik. Nicht das Recht. Nicht der Vertrag, den am Ende alle unterschreiben, ohne ihn zuvor gelesen zu haben.
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